Konsequent unabhängig
20.01.2017 - Autor: Dr. Bert Flossbach

Ro­bo Ad­vi­sor und ETF – die Zu­kunft der Geld­an­la­ge?

Geldanlage

Immer mehr Anleger verzichten auf die Kompetenz ihrer Vermögensverwalter. Sie investieren in ETFs oder bei einem Robo Advisor – und vertrauen der Entscheidungsautomatik von Maschinen. Verdrängen die Roboter bei der Geldanlage in Zukunft ihre menschliche Konkurrenz?

Fortschritt ist nicht für alle gleich angenehm. Vielen Menschen bietet er neue Möglichkeiten, aber Innovationen haben immer auch etwas Zerstörerisches. Von Disruption ist etwa in der Wirtschaft die Rede, wenn neue Technologien oder Innovationen bestehende Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle ersetzen. Technologischer Wandel ist natürlich nichts Neues. Das Auto verdrängte Pferd und Kutsche, die Suchmaschine die Gelben Seiten, das Digitale das Analoge. Nur auf das papierlose Büro warten wir noch heute.

Der Begriff Industrie 4.0 beschreibt eine weitere Stufe der industriellen Revolution, die die Produktion mit moderner Informations- und Kommunikationstechnik verzahnt.  Maschinen kommunizieren miteinander - und sollen sich dabei dank künstlicher Intelligenz auch noch weiterentwickeln. Diese Revolution geht weit über den industriellen Bereich hinaus und betrifft praktisch alle Bereiche der Wirtschaft und des Privatlebens.

Bekannte Beispiele für „Disruptoren“ sind Unternehmen wie Amazon, das zunächst Geschäftsmodelle des Buchhandels und dann des Einzelhandels verdrängt hat. Ähnliches gilt für Google, das nicht nur die Gelben Seiten ins Museum verbannt, sondern auch klassische Akteure am Werbemarkt verdrängt hat. Der Fahrdienst Uber fordert das Taxigewerbe heraus, zumindest dort, wo man ihn gewähren lässt.

Disruption führt auch dazu, dass manche Arbeitsplätze nicht mehr benötigt werden. Sie ist  daher auch eine Herausforderung für die sozialen Sicherungssysteme und die Gesellschaft. So ist der vom neuen US-Präsident Donald Trump beklagte Verlust von Industriearbeitsplätzen nicht nur auf die Verlagerung von Jobs ins Ausland zurückzuführen, sondern mindestens in gleichem Maße auf die fortschreitende Automatisierung.

Fortschritt trifft die Finanzbranche

Mit am stärksten dürfte der technologische Wandel wohl die unter einem notorischen Kostendruck leidende Finanzbranche treffen. Damit erreicht die digitale Disruption auch die Büros. Bei Versicherungen und Banken lassen sich viele Arbeitsprozesse automatisieren. Algorithmen ermitteln das Risikoprofil von Anlegern und unterbreiten ihnen einen Anlagevorschlag, der sich dank kostengünstiger börsengehandelter Indexfonds (ETFs*) effizient umsetzen lässt.

Der Vormarsch der ETFs* scheint nicht mehr zu stoppen. Weltweit sind im vergangenen Jahr 379,5 Mrd. US-Dollar in ETFs geflossen. Das gesamte Volumen beträgt mittlerweile 3.505 Mrd. Dollar, davon sind 2.738 Mrd. Dollar in Aktien-ETFs investiert, wovon allein 1.639 Mrd. Dollar auf US-Aktien-ETFs entfallen. Am stärksten betroffen vom Trend zu passiven ETFs* sind pseudoaktive Aktienfonds, die sich an einen Vergleichsindex (Benchmark*) anschmiegen und aufgrund ihrer höheren Kosten zwangsläufig schlechter abschneiden.

Wie autonomes Fahren ist auch passives Investieren nicht für jedes Terrain geeignet. Dies gilt vor allem für börsengehandelte ETFs*. Diese Fonds, die auch dem langfristigen Vermögensaufbau dienen sollen sind sekündlich handelbar. Unseres Erachtens ist das nicht unbedingt ein Vorteil. So hat eine Untersuchung (siehe Fußnote 1) von knapp 8.000 deutschen Direktbank-Depots ergeben, dass sich die Performance der Depots über einen fünfjährigen Zeitraum durch die ETFs in den Portfolios systematisch verschlechtert hat. Die Autoren der Studie haben eine Performanceeinbuße von durchschnittlich 1,16 Prozent per annum ermittelt, die sich vor allem durch das schlechte Timing der ETF-Transaktionen erklären lässt. Die oft gepriesene hohe Liquidität von ETFs ist also eher schädlich, weil sie zu reger Aktivität verleitet. „Passives“ Investieren wird durch ETFs tendenziell also „aktiviert“.

Kann ein Robo Advisor sorgfältig investieren?

Auch wenn Roboter für die Kunden entscheiden, kann es unseres Erachtens zu Problemen kommen. Während des „Flash Crashs“ im August 2015 handelten einige ETFs mit Abschlägen von fast 40 Prozent zu ihren fairem Wert. Manche Algorithmen dürften unseres Erachtens ihre Orders nicht mit der gebotenen Sorgfalt platziert, sondern an starre Regeln gebunden haben. So sinnvoll traditionelle Indexfonds als Baustein für den langfristigen Vermögensaufbau sein können, so gefährlich scheinen sie in der Form von ETFs in den „Händen“ computergesteuerter Anlagemodelle zu sein. Ein Robo Abvisor handelt eben anders als ein menschlicher Vermögensverwalter.

Passives Investieren kann unseres Erachtens nur schwerlich dabei helfen, absolute Renditeziele zu erreichen. Dieses Ziel haben vor allem für vielen Anleger mit eingeschränkter Risikotoleranz. Die Mehrheit der Anleger möchte „Geld verdienen“ und keinen Index übertreffen. Hierzu gibt es unseres Erachtens aber keinen passenden Index, in den defensive Anleger investieren können.

Kaum bekannte Risiken des Börsenindex MSCI Welt

Das zeigt etwa folgendes Beispiel. In vielen Presseartikeln wird der MSCI-Welt-Aktienindex zitiert. Dieser enthält derzeit etwa 60 Prozent US-Aktien und ist zu mehr als 80 Prozent in Währungen außerhalb des Euro (vor allem US-Dollar, Yen und Pfund) investiert. Das hat bereits in der Vergangenheit zu erheblichen Abweichungen von der Entwicklung am Heimatmarkt und heftigen Irritationen bei Anlegern geführt. So verzeichnete der MSCI-Welt-Index Ende des Jahres 2007 ein Fünfjahresplus von 57 Prozent. Im gleichen Zeitraum waren es beim deutschen Leitindex DAX aber 179 Prozent. Die wesentlich schlechtere Performance des MSCI Welt-Index machte ihn damals zu einem Index non grata. Niemand akzeptierte mehr einen Index, dessen Performance selbst der schlechteste Vermögensmanager schlagen konnte. Das wird heute leicht vergessen, wenn die Verfechter passiven Investierens nach Jahren der Euroschwäche die Vorzüge des MSCI-Welt-Index preisen.

Bei einer Erweiterung des Anlageuniversums um Anleihen und Edelmetalle wird die Sache noch weitaus komplexer. Für Portfoliomanager einer Vermögensverwaltung, die sich nicht an einem Index orientieren, sondern die Erzielung einer absoluten Rendite für ihre Kunden anstreben, ist die Gefahr einer Disruption durch Fintechs und ETFs nach unserer Einschätzung daher geringer.

Das bedeutet aber nicht, dass sie sich entspannt zurücklehnen können. Auch aktive Manager müssen langfristig Mehrwert generieren, um ihr Dasein zu rechtfertigen. Dieses besteht unseres Erachtens in der Definition und Umsetzung einer für den Kunden geeigneten Anlagestrategie und – mindestens genauso wichtig – in der Schaffung von Vertrauen. Dazu bedarf es nach unserer Erfahrung eines nachvollziehbaren Weltbilds und eines Anlageprozesses, der auf einer sorgfältigen Abwägung von Chance und Risiko basiert, und keiner Black Box. Geldanlage ist Vertrauenssache! Nur mit dem entsprechenden Vertrauen kann ein Anleger auch die nötige Geduld aufbringen, um die langfristigen Renditepotenziale zu ernten, statt sie im falschen Moment mit einem Mausklick über Bord zu werfen.

1) vgl. Bhattacharya, Loos, Meyer und Hackethal: „Abusing ETFs“, Review of Finance, 2016.

*Eine Erklärung von Fachbegriffen finden Sie in unserem Glossar.

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