15.04.2021 - Bert Flossbach

Angst vor Inflation


Angst vor Inflation
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Die Hoffnung auf einen Nach-Corona-Boom weckt zunehmend Inflationssorgen. Können die Notenbanken bei einem deutlichen Preisanstieg gegenhalten?

Weltweit wachsen die Schulden rasant. Die Corona-Pandemie wirkt als Trendverstärker. Die Schuldenlast, das hat uns das Beispiel Japan gelehrt, ist aber so lange problemlos tragbar, wie die Zinsen niedrig bleiben oder die Notenbank die Staatsschulden aufkauft und die Zinserträge zurück an den Staat überweist. Hiervon ist auszugehen, da die Notenbanken rund um den Globus zumindest in den kommenden Jahren an ihrer ultraexpansiven Geldpolitik mit tiefen Zinsen und dem Ankauf von Staatsanleihen festhalten wollen.

Sollte die Inflation aber deutlich über die angestrebte Marke von zwei Prozent steigen, könnte sich das ändern. Allerdings sind höhere Zinsen für den Staat so lange kein Problem, wie sie unter dem Wirtschaftswachstum bzw. der Inflationsrate liegen. Zudem haben die Zentralbanker vorsorglich darauf hingewiesen, dass die Inflation ein paar Jahre über dieser Marke liegen darf, bevor es Zeit wird gegenzusteuern, weil damit lediglich die lange Phase (zu) tiefer Inflationsraten kompensiert würde.

Damit werden auch die Bilanzen der Notenbanken durch Wertpapierkäufe und zusätzliche Liquiditätsmaßnahmen weiterwachsen, ohne dass absehbar ist, wann dieser Prozess ein Ende findet und die Bilanzen wieder auf ein „normales“ Maß schrumpfen könnten.

Gewaltige Hilfen in den USA

Nehmen wir die USA als Beispiel:  Seit Pandemiebeginn bis zum Auslaufen des Pakets, das US-Präsident Joe Biden geschnürt hat, werden den US-Bürgen rund 1.620 Mrd. US-Dollar in Form von Schecks (ca. 870 Mrd. USDollar) und zusätzlichen Arbeitslosenhilfen (ca. 750 Mrd. US-Dollar) zugeflossen sein. Weitere 746 Mrd. US-Dollar wurden US-Unternehmen bis Anfang April im Rahmen des Paycheck Protection Program in Form von Krediten überwiesen, die aber in der Regel nicht zurückgezahlt werden müssen.

Ein großer Teil der Hilfe liegt auf den Konten der US-Bürger, was bei gleichzeitigem Rückgang des privaten Konsums zu einer bis dahin historisch einmalig hohen Sparquote geführt hat. Die hohe Sparquote ist aber nicht nur das Resultat eines aus Vorsichtsgründen zurückhaltenden Konsums, so wie in früheren Krisen, sondern diesmal auch auf einen Mangel an Ausgabemöglichkeiten zurückzuführen (Reisen, Veranstaltungen, Restaurant- und Kinobesuche etc.). Dies hat dazu geführt, dass die Gesamtausgaben der privaten US-Haushalte noch immer unter dem Vorkrisenniveau liegen.

Nach dem Ende des Lockdowns dürfte sich das ändern – die Amerikaner werden wieder konsumieren. Zumindest ist das die allgemeine Erwartung, die von einer ausgeprägten Konjunkturerholung im zweiten Halbjahr ausgeht. Die Gretchenfrage ist, ob es dadurch zu einem starken und möglicherweise dauerhaften Inflationsanstieg kommen wird, zumal auch die Preise für Energie und zahlreiche Rohstoffe deutlich gestiegen sind, was auch auf eine kräftige Wirtschaftsbelebung in konjunkturzyklischen Bereichen hindeutet. Allerdings sind einige dieser Effekte temporärer Natur und haben sich bislang noch nicht spürbar in den Inflationsraten niedergeschlagen.

Wenn die Löhne steigen …

Ein nachhaltiger Inflationsanstieg droht erst dann, wenn sich höhere Inflationserwartungen fest im Denken der Menschen verankert haben und beispielsweise auch die Lohnverhandlungen bestimmen. Erst dann wären die Notenbanken gezwungen, ihre ultralockere Politik anzupassen oder dies zumindest in Aussicht zu stellen.

Bevor es aber so weit kommt, muss sich der US-Arbeitsmarkt substanziell verbessern. Noch liegt der Anteil der Beschäftigten in Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bei gerade einmal 57,8 Prozent (März 2021) im Vergleich zu 61,1 Prozent vor der Krise – in absoluten Zahlen sind das acht Millionen Jobs weniger. Hinzu kommt, dass zahlreiche Jobs vermutlich nur dank des „Paycheck Protection Program“ erhalten werden konnten, wodurch die offiziellen Arbeitsmarktdaten etwas besser aussehen, als sie tatsächlich sind.

Insofern besteht für die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) kein akuter Handlungsbedarf, ihre Anleihekäufe zurückzufahren, zumal die Anleiherenditen schon recht deutlich gestiegen sind und ein weiterer Anstieg der Renditen die Konjunkturerholung beeinträchtigen könnte.

Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) muss man sich solche Gedanken in diesem Jahr ohnehin nicht machen, da die Wirtschaftsleistung zahlreicher Euroländer trotz erheblicher Stützungsmaßnahmen unter dem Vorkrisenniveau liegen wird. Bevor die Ausrichtung weniger expansiv werden könnte, bräuchte es eine spürbare und sich selbst verfestigende Erholung der Wirtschaftsaktivität. Bis zum Jahr 2023 hat die EZB Zinserhöhungen ohnehin ausgeschlossen und auch danach bleibt es in ihrem Ermessen, ein Überschießen der Inflation als temporär zu bezeichnen und zu tolerieren. Ob die Notenbanken es also jemals schaffen werden, aus ihrer ultralockeren Geldpolitik auszusteigen, darf auch angesichts der zu erwartenden gravierenden Kollateralschäden bezweifelt werden.

 

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