02.09.2021 - Shenwei Li

China – Leben unter Druck


China – Leben unter Druck

Die Kolumne der Analystin Shenwei Li gibt einen Einblick in den Alltag in China. Diesmal geht es um den Leistungsdruck, unter dem junge Chinesen stehen.

Zuerst der abgebrochene Börsengang der Alibaba-Tochter Ant, dann die „Antitrust-Politik“, die vor allem Online-Plattformentraf: Die schärfere Regulierung der Internetkonzerne durch die chinesische Regierung kam für viele westliche Beobachter (und Investoren) wohl ebenso plötzlich wie unerwartet. Für uns Chinesen war das weniger überraschend. Allenfalls das Timing erscheint in der Rückschau etwas willkürlich. Ex post betrachtet, lassen sich die Maßnahmen wohl am besten mit dem Stichwort „Involution“ erklären.

Mit diesem Begriff wird in der Medizin ein degenerativer Vorgang bezeichnet, bei dem einzelne Gewebe oder Organe „schrumpfen“, etwa nach einer Schwangerschaft. Setzt man Involution nun in den chinesischen Kontext, so bedeutet es, dass das Wirtschaftswachstum nach 30 Jahren beginnt, sich zu verlangsamen. In der Folge hat sich der Konkurrenzdruck in vielen Bereichen unglaublich verstärkt, wie folgende Beispiele zeigen.

Uni-Abschluss-Inflation

Ostasiaten legen unglaublich viel Wert auf Bildung und jeder will möglichst auf eine Topuniversität gehen. Doch deren Aufnahmequote liegt nur bei 6,7 Prozent (die durchschnittliche Quote aller Unis liegt bei mehr als 60 Prozent). China zählt jedes Jahr acht bis neun Millionen Uni-Absolventen, Tendenz steigend. Jedes Jahr haben die Akademiker es etwas schwerer auf dem Arbeitsmarkt. Ein Uni-Abschluss verliert an Wert, wenn immer mehr Leute einen haben. Nur der Abschluss an einer Topuniversität kann heutzutage noch einigermaßen eine aussichtsreiche berufliche Zukunft garantieren.

996 und 007

Selbst diejenigen, die mit einem Topuni-Abschluss von Topfirmen eingestellt werden, stehen weiter unter Druck. Grundsätzlich gilt „996“ (eine Arbeitszeit von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, 6 Tage pro Woche, Anm. d. Redaktion). Aber auch „007“ ist verbreitet – also von 0 Uhr bis 0 Uhr (und das 7 Tage die Woche). Unsere „Topfirmen“ kündigen Mitarbeiter öfter mal, wenn sie zu wenige Überstunden machen. Und was dabei „zu wenige Stunden“ sind, wird dadurch bestimmt, wie viel die anderen Kollegen im Team arbeiten.

Mächtige Algorithmen

Doch nicht nur gut bezahlte Ingenieure oder Programmierer müssen dem Wettbewerbsdruck trotzen. Auch Taxifahrer, die beispielsweise auf Online-Plattformen um 5-Sterne- Bewertungen von Fahrgästen konkurrieren, an denen sich Löhne und Boni ausrichten. Ein Fahrer, der besonders lange für Aufträge erreichbar ist oder sehr viele Stunden täglich unterwegs ist, bekommt durch einen Algorithmus der Plattform mehr Pluspunkte zugewiesen. Selbst für diejenigen, die in diesen Jobs ohne (oder nur mit geringem Sozialversicherungsschutz als Dienstleister) arbeiten, reicht es also nicht mehr, nur sehr fleißig zu sein. Es geht darum, fleißiger als die anderen Fleißigen zu sein. Ein Fahrgast, der sich online über einen Fahrer beschweren kann, bekommt von ihm in der Regel, was er verlangt. Es geht darum Minuspunkte zu vermeiden – whatever it takes, und dies, obwohl es unerheblich ist, ob der Fahrer den Missstand tatsächlich zu verantworten hat.

Harter Preisdruck

Oft werden Preise in China über viele Jahre nicht erhöht, weil Unternehmen Marktanteilsverluste befürchten. So sind führende Videoportale in China Ende 2020 erstmals teurer geworden, obwohl die Kosten für die Filme zwischenzeitlich mehrfach gestiegen sind. Der Chef des bekannten Online-Brokers Futu Securities sagte einmal, wenn ein Unternehmen auf dem chinesischen Markt überleben könne, dann sei der Rest der Welt eher ein Kindergeburtstag.

Kosmetischer Gruppenzwang

Dass Kosmetik der Luxusklasse in China schon bei der jüngeren Generation gefragt ist, ist nicht neu. Nun werden auch ästhetische Eingriffe beim Nachwuchs immer beliebter. Selbst Menschen, die sich früher wenig um ihr Aussehen kümmerten, werden nervös, wenn Freundinnen etwas machen lassen. Im Jahr 2020 waren einer Studie zufolge 61 Prozent der Kunden von ästhetischen chirurgischen Eingriffen zwischen 16 und 25 Jahre alt. 90 Prozent waren jünger als 35 Jahre. Ästhetische Chirurgen lassen sich inzwischen auch in Raten bezahlen.

Depression der Tüchtigen

Lokale Medien berichten immer häufiger über psychologische Probleme der Studenten der Eliteunis. Sie sind nicht selten depressiv, anekdotisch sollen 30 bis 40 Prozent von ihnen die entsprechenden Abteilungen der Unikliniken aufsuchen. Viele sehen kein Ziel. Seit dem Kindergarten war ihr Leben darauf ausgerichtet, es auf eine der Topunis zu schaffen. Doch im Job wird der Druck sogar noch schlimmer. Ab 35 Jahren werden sie besonders kritisch beäugt. Wer dann in die Gruppe der vermeintlich „Faulen“ abrutscht, wird als „inkompetent“ eingestuft – und zeitnah entlassen.

Sie ahnen es vielleicht schon: Manche (junge) Chinesen wollen das nicht mehr mitmachen. Sie wollen nicht mehr fleißig arbeiten oder für den persönlichen Aufstieg ihr privates Leben opfern. Manche High Potentials erwägen, eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Doch auch dieser Weg ist steinig, die Bewerberlisten sind sogar noch länger als die der Topunis. Im vergangenen Jahr lag die Aufnahmequote des National Civil Servant Exam bei 2,5 Prozent (versus 6,7 Prozent für die Topunis).

Immer mehr Menschen bei uns fragen sich: Wie kann es eigentlich in einem kommunistischen Land eine 996-Arbeitszeit geben, wenn wir doch ein eindeutiges Arbeitsrecht haben? Wenn etwas nicht stimmt, erwartet in China die Masse, dass der Staat eingreift. Womöglich waren wir in den vergangenen Jahren zu kapitalfreundlich. Dabei sind wir doch eine Volksrepublik, bei der die Interessen des Volkes oben stehen sollten: Nun wächst die Hoffnung, dass die Gesellschaft sozialer wird und deutlich langsamer „involuieren“ könnte. Ob es am Ende gelingt, weiß natürlich keiner. Aber wenn an der Umverteilung in unserem Land nicht glaubhaft gearbeitet wird, zöge die Partei wohl bald den Volkszorn auf sich.

In diesem Jahr feiert die Kommunistische Partei Chinas ihren 100. Geburtstag. Die am meisten ausgeliehenen Bücher der Bibliothek in der Tsinghua Universität, die als die beste Uni unseres Landes gilt, waren 2020 die gesammelten Werke von Mao Zedong sowie die von Karl Marx und Friedrich Engels. Der Osten wird vielleicht bald wieder (etwas) röter.

Die Analystin Shenwei Li berichtet in ihrer Kolumne „Mail aus Shanghai“ in unserem Magazin „Position“ von ihren Erfahrungen – ganz aus dem Blickwinkel einer Chinesin. Das Magazin können Sie hier kostenlos abonnieren.

 

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