24.06.2019 - Philipp Vorndran & Thomas Lehr

Das Zinsende


Die Wirtschaft wächst nur noch moderat und die Zinsen bleiben sehr lange bei null, oder sogar deutlich darunter. Anleger sollten sich mit dieser Situation anfreunden.

Die Zuversicht, dass die Zinsen irgendwann dann doch mal wieder steigen, dürfte selbst bei den hoffnungslosen Optimisten verflogen sein. Weltweit rauschen die Anleiherenditen runter. Mit Minus 0,3 Prozent notierte die deutsche Bundesanleihe so tief wie niemals zuvor. Unser anlagestrategisches Weltbild, das von dauerhaft niedrigen Zinsen ausgeht, galt früher unter Anlageprofis noch als Avantgarde. Heute sind wir im Mainstream angekommen.

Weltweit treten die Notenbanker auf die Zinsbremse. Die noch im Jahr 2018 avisierten drei Zinserhöhungen der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) fallen wohl aus, der Markt preist mittlerweile Zinssenkungen ein. Zehnjährige US-Staatsanleihen rentieren bei etwas mehr als zwei Prozent. Das ist fast ein Prozentpunkt weniger als noch vor fünf Jahren. „Wenn die Leitzinsen das nächste Mal die effektiv niedrigere Schwelle erreichen – und es wird erfahrungsgemäß ein nächstes Mal geben – wird es keine Überraschung sein“, erklärte Anfang Juni Jerome Powell. So möchte der Fed-Präsident die Bevölkerung wohl daran erinnern, dass die Zinsen auch schon mal deutlich unter null Prozent fallen können.

In Europa rechnet ohnehin niemand mehr mit steigenden Zinsen. Oder wie EZB-Präsident Mario Draghi es Mitte Juni dieses Jahres formulierte: „Es scheint, dass die zunehmende Bedrohung durch Protektionismus, die geopolitischen Faktoren, die die Konjunkturaussichten der Eurozone belasten, einen Anstieg des Zinsniveaus ausschließen würden.“ In der Eurozone bleiben die Zinsen bis (mindestens) 2020 bei null Prozent und darunter. Die geopolitischen und ökonomischen Perspektiven der Eurozone schließen eine Zinserhöhung aus. Wenige Tage später legte Draghi nach: „In den nächsten Wochen wird der EZB-Rat überlegen, wie unsere Instrumente entsprechend der Größe des Risikos für die Preisstabilität angepasst werden können.” Anleihekäufe, Zinssenkungen, weitere Maßnahmen: „Wir werden alle Flexibilität innerhalb unseres Mandats nutzen, um unseren Auftrag zu erfüllen”.

Die Inflation will nicht kommen

Der Schwund der Inflation beunruhigt die Notenbanker weltweit nachhaltig. Die Erwartungen des Marktes brachen zuletzt aus einem gewohnten, „sicher verankerten“ Korridor aus. Mit Blick auf fünf Jahre lagen sie in Europa zwischen 1,5 Prozent und 1,75 Prozent. Davon kann jetzt keine Rede mehr sein. Der Abstand zu dem (selbst gesteckten) Inflationsziel der Notenbanker von zwei Prozent ist beachtlich.

In Europa bleiben die Zinsen niedrig, zumindest so lange der Euro Bestand hat. Darauf weisen wir seit Jahren immer wieder hin. Die Währung überfordert die Wirtschaft vieler Länder, die Auswirkungen zeigen sich besonders deutlich in Italien. Dort möchte eine populistische Regierung das Haushaltsdefizit weiter ausdehnen. Sie droht mit Mini-Bots, Staatsanleihen ohne Laufzeitbegrenzung und Verzinsung, dazu geeignet, offene Rechnungen zu begleichen. Die Mini-Bots sollen den Druck auf die EU und EZB im Defizitstreit erhöhen. Oder wie es Thomas Mayer, Gründer des Flossbach von Storch Research Institute in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung formulierte: „Die italienische Regierung befindet sich heute in einer wesentlich stärkeren Position. Mit der Parallelwährung könnte sie die EZB zur Stützung ihrer Staatsschuld zwingen. Denn würde der Staat so viele Mini-Bots ausgeben, dass sie gegenüber dem Euro stark abwerten, könnte er mangels Steuereinnahmen in Euro möglicherweise seine Euro-Schulden nicht mehr begleichen. Italien würde der Staatsbankrott drohen. Da dies der Politik des Erhalts des Euro um jeden Preis zuwiderlaufen würde, müsste die EZB als Kreditgeber der letzten Instanz einspringen.“

Anleger sollten umdenken

Wer wissen möchte, wie sich die Geldpolitik der Mehrzahl der Industrieländer in der Zukunft entwickeln dürfte, der schaut in die Schweiz. Thomas Jordan, Chef der Schweizerischen Nationalbank fasste die Lage treffend zusammen: „Der Negativzins sowie unsere Bereitschaft, bei Bedarf am Devisenmarkt zu intervenieren, sind unverändert notwendig“. Das sagt wohl alles, in welche Richtung der Zinszug derzeit unterwegs ist.

Für Anleger bedeutet dieses Umfeld vor allem: Sie sollten investiert sein. Kasse bringt nichts – oder nur Verluste. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Banken die Negativzinsen an ihre Kunden weitergeben (müssen). Sparer sollten dann mit höheren Kontogebühren, Aufbewahrungsentgelten oder ganz neuen Wortschöpfungen rechnen.

 

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