05.04.2022 - T. Mayer, P. Duarte

Der neue Ost-West-Konflikt


Der neue Ost-West-Konflikt

Putins Krieg beschleunigt die geopolitische Blockbildung. Eine Analyse des Flossbach von Storch Research Institute zeigt die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse – und macht Hoffnung.

Wir erleben eine Zeitenwende. Mit dem Aufstieg Xi Jinpings zum neuen starken Mann Chinas und Wladimir Putins Kriegen ist das Zeitalter der post-sowjetischen Globalisierung zu Ende gegangen. Und mit dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine am 24. Februar 2022 dürfte nun auch der letzte Träumer von einer harmonischen Welt auf dem harten Boden der Realität angekommen sein.

Im neuen Zeitalter erlebt der alte Eiserne Vorhang eine Renaissance. Dies bringt kurzfristig wirtschaftliche Verwerfungen und langfristig tiefe strukturelle Veränderungen. Zeit für eine geopolitische Bestandsaufnahme, mit dem Fokus auf die wirtschaftlichen Auswirkungen. Ein Ergebnis: Wir sehen im aktuellen Konflikt eine klare Überlegenheit des Westens – die aber nur wirksam werden kann, wenn die Demokratien mutig zusammenstehen.

Russland und der Westen

Wladimir Putin sollte man verstehen, aber ihm kein Verständnis entgegenbringen. Er will in der Liga der Großmächte mitspielen. Dabei setzt er auf Mao Tsetungs alten Spruch „die Macht kommt aus den Gewehrläufen“ und ist ebenso ruchlos wie dieser in der Verfolgung seiner Ziele. Maos Nachfolger haben eingesehen, dass man die Gewehre erst mal haben muss und haben daher eine formidable Wirtschaft aufgebaut. Das hat Putin versäumt. Der russische Militärkoloss steht auf wirtschaftlich sehr dünnen Füssen. Russland ist eine auf Autarkie getrimmte, auf die Produktion von Rohstoffen und Waffen spezialisierte wirtschaftliche Mittelmacht.

Im Vergleich zu den G7 Ländern und China ist Russland wirtschaftlich ein Zwerg. Anders als in China oder ehemaligen Mitgliedsländern des Sowjetimperiums hat es die Wirtschaft in Russland seit 2010 auch kaum vermocht, das reale Einkommen pro Kopf der Bevölkerung zu steigern. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass in der russischen Wirtschaft Sektoren stark vertreten sind, deren potenzielles Produktivitätswachstum bescheiden ist. Dazu gehören der Bergbau, das auf einfachere Produkte spezialisierte verarbeitenden Gewerbe und der Finanzsektor.

Positiv ist dagegen zu vermerken, dass Russland nicht über seine finanziellen Verhältnisse lebt. Die außenwirtschaftliche Leistungsbilanz verzeichnet einen Überschuss und die Auslandsverschuldung ist moderat. Die Zentralbank sitzt auf einem Berg von Devisenreserven und Gold, den sie allerdings aufgrund der Sanktionen nicht mehr nutzen kann. Im Inland sind der Staat und die privaten Haushalte ebenfalls in relativ geringem Maß verschuldet. Allein die Unternehmen haben eine höhere Schuldenlast, die jedoch nicht aus dem internationalen Rahmen fällt.

Auswirkungen des Wirtschaftskriegs

Die für die russische Wirtschaft schmerzhaftesten Sanktionen dürften der Abbruch der Beziehungen der Zentralbanken der USA, der Europäischen Union, Japans, Großbritanniens und der Schweiz mit der russischen Zentralbank, der selektive Ausschluss russischer Banken vom globalen Telekommunikationsnetz SWIFT, der Exportstopp der USA und Südkoreas für wichtige Technologiegüter und der sofortige Importstopp der USA von Öl sein. Hinzu kommt der freiwillige Rückzug namhafter westlicher Unternehmen aus Russland. 

Dadurch werden die meisten Finanzbeziehungen mit Russland auf Eis gelegt und die Versorgung der russischen Wirtschaft mit für die Produktion wichtigen Zwischenprodukten eingeschränkt. Schlussendlich dürfte die Wirtschaft auf den internationalen Tauschhandel zurückgeworfen werden, mit dem sie Rohstoffe zu Discountpreisen gegen dringend benötigte Importgüter eintauscht. Die Folgen dürften kurzfristig ein konjunktureller Einbruch und langfristig die Schrumpfung der russischen Wirtschaft auf eine wie in Sowjetzeiten nach innen orientierte Binnenwirtschaft sein.

Seit dem Einmarsch in die Ukraine ist der auf Hochfrequenzdaten basierende GDP-Tracker der OECD, der aktuelle Daten zum Bruttoinlandsprodukt bewertet, um knapp vier Prozentpunkte gefallen. Internetdaten weisen zusätzlich auf einen schwachen Konsum hin. Die Suchintensität nach Begriffen in den Kategorien „Shopping“ und „Reisen“ gehen in ähnlicher Geschwindigkeit wie im Pandemiejahr zurück. Suchen in den Kategorien „Konkurs“ und „Visum und Migration“ steigen schnell an.

Die Prognosen für das Wirtschaftswachstum im Jahr 2022 fielen von 2,5 Prozent in den ersten Wochen des Jahres auf zuletzt minus 10 Prozent. Der russische Aktienindex ist in heimischer Währung um zwei Drittel und in US-Dollar um rund drei Viertel gefallen. Trotz einer Zinsanhebung von 8,5 auf 20 Prozent ab dem 1. Februar ist der Rubel gegenüber dem US-Dollar zeitweilig um die Hälfte gefallen.

Das verringerte Angebot trifft auf eine monetär aufgeblähte Nachfrage. Seit 2015 ist das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) um nur 8 Prozent gestiegen. Dank hoher heimischer Inflation stieg das nominale BIP um 58 Prozent. Die Konsumentenpreisinflation lag darunter, da die Preise importierter Güter weniger anstiegen.

Künftig dürfte aber der Wegfall vieler importierter Güter und die hohe Ausstattung der Wirtschaft mit Geld auch die Konsumentenpreisinflation zum Galoppieren bringen. Seit 2015 stieg die Geldmenge M1 um 135 Prozent und lag damit 48 Prozent über ihrem aus der Zeit von 2000 bis 2015 fortgeschriebenen Trendwert. Der Geldüberhang in Kombination mit dem Rückgang des Angebots dürfte zu dem führen, was man „Schrumpflation“ nennen könnte. Ein Rückfall in die Zeit der galoppierenden Inflation ist wahrscheinlich.

Für den Westen bedeutet die Abkopplung Russlands von der Weltwirtschaft vor allem ein geringeres Angebot an Rohstoffen und einen zusätzlichen Rohstoffpreisschock. Laut dem HWWA globalen Rohstoffpreisindex sind die Rohstoffpreise seit der Invasion der Ukraine zweitwiese um bis 50 Prozent gestiegen. 

Der Preisschock treibt die Konsumentenpreisinflation – in den USA und der Eurozone zuletzt auf Jahresraten von 7,9 Prozent und 5,8 Prozent. Da die USA netto nur wenig Rohstoffe importieren, kommt es dort zu einer Umverteilung von Rohstoffkonsumenten zu Rohstoffproduzenten, unter der die Gesamtwirtschaft weniger leidet. Dagegen wirken höhere Rohstoffpreise für Europa, das diese Produkte in größerem Umfang importiert, wie eine Steuer, deren Erträge den ausländischen Anbietern zufließen. Dies dürfte das Wirtschaftswachstum dämpfen.

Hinzu kommt, dass Europa von Versorgungsengpässen betroffen sein könnte. Sollten sich die europäischen Länder zu einem kompletten Boykott russischer Rohstoffimporte durchringen, oder sollte Russland seine Exporte einstellen, wäre davon vor allem die Versorgung mit Erdgas, Kohle und Öl eingeschränkt. Die am meisten betroffenen größeren Länder wären Deutschland und Italien.

Dagegen ist die finanzielle Verbindung mit Russland von untergeordneter Bedeutung. Die russische Auslandsverschuldung gegenüber Banken lag Ende 2021 bei 122 Milliarden US-Dollar. Unter den ausländischen Gläubigerbanken dominieren Institute in Frankreich und Italien mit Forderungen von je 25 Milliarden US-Dollar, gefolgt von Österreich mit 18 Milliarden US-Dollar und den USA mit 15 Milliarden US-Dollar. Forderungen deutscher Banken sind mit 8 Milliarden US-Dollar recht bescheiden.

Vor diesem Hintergrund sind die Finanzmärkte seit Beginn des Ukrainekriegs bis auf wenige Ausnahmen recht gelassen geblieben. Der Volatilitätsindex VIX für den US-Aktienindex S&P 500 Index misst die Kursschwankungen und ist bisher weit unter dem Niveau früherer Krisen geblieben. Die Aktienleitindizes in den USA und Europa haben ihre Durchschnittswerte von 2021 wieder überschritten. Dabei haben die europäischen Aktien trotz der stärkeren Betroffenheit Europas seit Kriegsbeginn nur wenig mehr abgegeben als die US-amerikanischen.

Der scharfe Anstieg der Rohstoffpreise brachte einige Händler in Schwierigkeiten, die für Terminmarktpositionen höhere Sicherheiten stellen mussten. Auch einige Leasingunternehmen kamen unter Druck, weil ihre von russischen Mietern genutzten Geräte stillgelegt wurden. Insgesamt kam es jedoch zu keinen größeren Verwerfungen.

Chinussland gegen Natonien

Die russischen und chinesischen Machthaber verbindet die Überzeugung, dass der Westen einen säkularen Niedergang erlebt. Aus ihrer Sicht sind wichtige Gründe dafür die Zersplitterung der westlichen Gesellschaft durch Identitätspolitik und die Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass China im Ukrainekrieg öffentlich eine gegenüber Russland wohlwollende Neutralität demonstriert und das Land möglicherweise heimlich unterstützt. 

Schon oft wurde darauf hingewiesen, dass der chinesische Machthaber Xi Jinping bei aller Übereinstimmung mit Wladimir Putin über den Westen vor allem die von ihm definierten wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen Chinas verfolgt. Insofern ist die enge Freundschaft beider Machthaber nicht uneingeschränkt. Ob Xi Putin in seinem Kampf gegen den Westen offen unterstützen wird, dürfte vor allem davon abhängen, ob Putins Krieg erfolgreich sein wird und ob sich der Westen politisch spalten lässt. 

Bislang ist der von Putin erhoffte schnelle militärische Erfolg gegen die Ukraine ausgeblieben und der Westen hat sich überraschend geschlossen gezeigt. Aus den Fehlern der russischen Kriegsführung kann die chinesische Volksarmee lernen. Auf die Geschlossenheit des Westens hat sie aber nur einen sehr kleinen Einfluss. Und genau diese ist die größte Hürde für eine weitere geopolitische Entwicklung im chinesischen Sinn. Denn obwohl China im Gegensatz zu Russland eine wirtschaftliche Großmacht ist, reicht sie auch im Verbund mit Russland nicht an die Wirtschaftsmacht des Westens heran.

Etwas plakativ möchten wir zwei Einflusszonen entwerfen, die wir „Natonien“ und „Chinussland“ nennen. Dabei deckt „Natonien“ nicht nur das Gebiet der NATO-Mächte, sondern auch befreundete Länder wie zum Beispiel Japan ab. „Chinussland“ besteht aus China und Russland, da diese beiden Länder auf keine weiteren größeren Mächte zählen können.

Vergleicht man die Wirtschaftskraft beider Regionen anhand des Bruttoinlandsprodukts, zeigt sich eine beinahe dreifache Überlegenheit „Natoniens“ gegenüber „Chinussland“. „Natonien“ und „Chinussland“ haben bedeutende Handelsverbindungen, Russland vor allem im Rohstoff- und China im Güterbereich. Doch wenn man das Verhältnis der Exporte in die jeweilige andere Region zum BIP nimmt, ist „Chinussland“ deutlich stärker von „Natonien“ abhängig als umgekehrt. In „Chinussland“ beträgt dieses Verhältnis mehr als das Fünffache von „Natonien“.

Auch bei den Ausgaben für das Militär steht das Verhältnis von „Natonien“ zu „Chinussland“ übrigens bei drei zu eins. Offiziell weist die NATO zwar deutlich weniger Soldaten aus als „Chinussland“. Doch liegt dies daran, dass nicht alle Soldaten der NATO-Länder der Verteidigungsgemeinschaft unterstellt sind. Nimmt man als Anhaltspunkt die Zahl der Soldaten der OECD Länder insgesamt, ergibt sich auch hier ein Vorteil für „Natonien“.

Ein Fazit

Erneut stehen sich im Westen und Osten zwei gegensätzliche Gesellschaftsordnungen gegenüber. Im Osten gibt es die auf den Führer zugeschnittene Diktatur, im Westen die rechtsstaatliche, demokratische Bürgergesellschaft. Die östlichen Diktaturen glauben an ihre systemische Überlegenheit, weil sie den westlichen Bürgergesellschaften weder Einigkeit noch Wehrhaftigkeit zutrauen. Durch Uneinigkeit und Feigheit des Westens soll dessen deutliche wirtschaftliche und militärische Überlegenheit außer Kraft gesetzt werden.

Der Ukrainekrieg könnte jedoch das Weltbild der östlichen Diktatoren zerstören. Die ukrainischen Bürger zeigen den Diktatoren, dass sie die zur Verteidigung ihres Staates nötige Wehrhaftigkeit besitzen. Und der Westen demonstriert, dass er zur Einigkeit gegen aggressive Diktatoren fähig ist. Wenn der Westen seine Einigkeit behält und sich ein Beispiel am ukrainischen Mut nimmt, wird auch der neue Ost-West-Konflikt wie der frühere mit der Bestätigung des Westens enden.

Weitere Analysen zu dem Thema finden Sie auf der Internetseite des Flossbach von Storch Research Instituts.   

 

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