Die Reichtumsillusion

07.09.2018 - Norbert F. Tofall

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Seit Jahren steigen die Vermögenspreise mit atemberaubender Geschwindigkeit. Sind wir dadurch reicher geworden? Nein, denn nur die produktive Verwendung von Kapitalgütern schafft Reichtum.

Zum Ende des zweiten Quartals 2018 betrug die vom Flossbach von Storch Vermögenspreisindex erfaßte Inflation des Vermögens deutscher Haushalte 6,8 Prozent.1 Heißt dies, daß wir ent­sprechend viel reicher geworden wären? Nein, denn der zukünftige Wohlstand einer Gesell­schaft hängt nicht von der Preisentwicklung der Vermögen – der Vermögenspreisinflation – ab,  sondern vom Kapital, der Kapitalstruktur und der intertemporalen Kapitalverteilung.2 Kapital darf deshalb nicht mit Vermögen verwechselt werden.

Kapital sind die von Individuen subjektiv mit Marktpreisen bewerteten Kapitalgüter. Kapi­talgüter sind jene Produktionsfaktoren, die in jeder Zwischenetappe eines konkreten Produk­tionsprozesses benötigt werden. Kapitalgüter können nur in einem subjektiven und teleologi­schen Kontext verstanden werden; denn aus dem vom Akteur verfolgten Produktionsziel und seiner subjektiven Perspektive, seinen individu­ellen Präferenzen und Einschätzungen sowie seinem individuellen Wissen ergeben sich die Zwischenetappen und ihre Bewertungen.

Das heißt erstens, daß nicht jeder Vermögens­gegenstand ein Kapitalgut ist. Eine Kunstsamm­lung und ein Ferrari können ein erhebliches Vermögen darstellen, sind aber meistens keine Kapitalgüter und deshalb nicht zum Kapital zu rechnen. Sie stellen meistens keine Zwi­schenetappen und keine Einsatzgüter oder Pro­duktionsfaktoren in einem Produktionsprozeß dar. Sie werden nur dann zu Kapitalgütern, wenn sie nach subjektiver Einschätzung und individueller Präferenz eines Akteurs in einem Produktionsprozeß zur Erreichung des Produkti­onszieles benötigt werden. Auf das Beispiel Ferrari angewendet: Für Sebastian Vettel ist das Auto ein Produktionsmittel für seine Aktivität im Sportgeschäft. Für den Investmentbanker, der damit seinen Bonus zur Schau stellt, gilt dies nicht.

Entsprechend ist zweitens die Bewertung dieser Kapitalgüter höchst subjektiv. Zum Beispiel hat ein Ferrari für mich als Produktionsmittel den Wert von Null, da ich auch damit im Sportge­schäft nicht reüssieren könnte. Der andere Pro­duzent hält diese Kapitalgüter für unbedingt erforderlich, ein weiterer nur unter bestimmten Bedingungen usw. Und natürlich können alle irren (alle Formel 1-Fahrer zum Beispiel, wenn das Interesse an diesem Sport nachließe). Wer mit seinem Einsatz von Kapitalgütern im jeweils gewählten Produktionsweg welchen Erfolg ha­ben wird, zeigt sich erst in der Zukunft. Daraus folgt allgemein, daß Kapitalgüter nur mit Markt­preisen bewertet werden können, also mit Prei­sen, welche die subjektiven und individuellen Ziele und Präferenzen der Menschen und ihre subjektiven und individuellen Einschätzungen über die zukünftigen Zahlungen, die durch die Endprodukte auf dem Markt vielleicht erzielt werden, widerspiegeln. Die Höhe des Kapitals, der Kapitalwert, ergibt sich deshalb aus den zukünftigen, abdiskontierten Erwartungen der handelnden Menschen, nicht aus Vergangen­heitswerten.

Drittens muß bedacht werden, daß sich reiche und arme Volkswirtschaften nicht dadurch un­terscheiden, daß reiche Volkswirtschaften mehr Güter und Arbeit einsetzen und einen höheren technologischen Wissensstand haben. Reiche und arme Volkswirtschaften unterscheiden sich hauptsächlich durch den Grad und die Art und Weise der Verknüpfung und Verflechtung von Kapitalgütern oder anders formuliert: im Grad und in der Art und Weise der direkten und indi­rekten Kooperation von Individuen. Historisch gab es bislang kein Land, das mehr Güter und Arbeit zur Produktion eingesetzt hat als die Sowjetunion unter Stalin. Trotzdem ist die Sowjetunion dadurch kein reiches Land gewor­den, sondern nach langem Siechtum 1991 zu­sammengebrochen. Entscheidend für Reichtum sind die richtigen Regeln und Regelsysteme. Und in der Sowjetunion gab es aufgrund der Planwirtschaft kein Regelsystem namens Marktpreise, mit denen Kapitalgüter hätten bewertet und auf dieser Bewertungsgrundlage hätten einer sinnvollen Verwertung dezentral zugeführt werden können.

Eines der wichtigsten Regelsysteme einer Ge­sellschaft ist die Geldordnung. Geld soll die di­rekte und indirekte Kooperation von Menschen, die Verknüpfung und Verflechtung von Kapi­talgütern, erleichtern. Spiegeln die Menge und der Wert des Geldes nicht die individuellen Ziele und Präferenzen der Menschen wider, sondern wird die Geldmenge und sein Wert manipuliert, gerät nicht nur die direkte und indirekte Koope­ration von Menschen und die Verknüpfung und Verflechtung von Kapitalgütern mit der Folge von Wachstumseinbußen und Strukturproble­men durcheinander. In unserem Kreditgeldsys­tem wird die Gedlschaffung durch die Zinspolitik der Zentralbanken geregelt. Wird der Kreditzins gegen Null gedrückt, verliert er die Funktion, die Allokation neuen Geldes sinnvoll zu steuern. Bei einem Kreditzins voll null mag der Kauf eines Ferraris für einen Sonntagsfahrer ebenso attrak­tiv erscheinen wie der Kauf eines Kapitalguts.

Geldmengenmanipulation führt auch zur Um­verteilung von Einkommen und Vermögen, weil sich das Preisniveau nicht für alle gleichzeitig ändert. Wer in unserem heutigen Geldsystem als erster aus dem Nichts neu geschöpftes Geld besitzt, kann noch zu alten Preisen kaufen und sein Vermögen vergrößern, während alle ande­ren zu gestiegenen Preisen kaufen müssen. Den dadurch ausgelösten Umverteilungseffekt hatte im 18. Jahrhundert bereits Richard Cantillon (1680 – 1734) analysiert. Und der schottische Glückspieler und französische Finanzminister John Law (1671 – 1729) nahm im frühen 18. Jahrhundert die heutige Zentralbankpolitik der „Quantitativen Lockerung“ vorweg.3

In unserer Zeit hat die unbegrenzte Kreditgeld­schöpfung aus dem Nichts seit dem Zusammen­bruch des Bretton-Woods-Systems Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts zu einer erhöhten Umverteilung geführt, zu einer Un­gleichheit, die auch Thomas Piketty mit seinen ökonometrischen Daten in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ herausgearbeitet zu haben scheint.

Da Piketty jedoch weder Vermögen und Kapital unterscheidet, noch den durch die ungebremste Kreditgeldschöpfung seit Anfang der 70er Jah­re ausgelösten Cantillon-Effekt berücksichtigt, argumentiert er auf grandiose und viel zu gut formulierte Art und Weise auf 800 Seiten am Problem des Kapitals im 21. Jahrhundert vorbei. Denn zur Lösung der Probleme des Kapitals im 21. Jahrhundert benötigen wir keine weltweite Neuverteilung des Kapitalstocks und keine weltweite egalisierende Besteuerung und den totalen Zugriff auf den Menschen.

Wir brauchen eine marktwirtschaftliche Geld­ordnung. Wir brauchen eine Geldordnung, in welcher Geld nicht manipuliert wird und in wel­cher die Kapitalgüter durch Preise bewertet werden, welche die individuellen Ziele und Prä­ferenzen der Menschen widerspiegeln. Denn dann sind auch Wohlstand für alle und echtes Wachstum wieder möglich.


1 Siehe online: www.fvs-ri.com/fvs-vermoegenspreisindex/ueberblick.html

2 Siehe Friedrich A. von Hayek: Die reine Theorie des Kapitals, herausgegeben von Erich W. Streissler, übersetzt von Monika Streissler, 1941, in: ders.: Gesammelte Schriften in deutscher Sprache, Band 6, Tübingen (Mohr) 2006.

3 Cantillon wettete gegen diese Geldschöpfungspolitik und wurde reich, nachdem Laws geldpolitisches Experiment scheiterte, siehe Thomas Mayer: John Laws Exempel, Makroanalyse des Flossbach von Storch Research Institute vom 8. März 2018, online abrufbar unter: www.fvs-ri.com/analysen/analysen-details.html

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