27.09.2022 - Flossbach von Storch

„Die Störung ist groß und dauerhaft“


„Die Störung ist groß und dauerhaft“

Der Krieg in der Ukraine eskaliert – und der Westen reagiert mit immer neuen Sanktionen. Ein Interview mit Agnieszka Gehringer, Senior Research Analyst beim Flossbach von Storch Research Institute, über die wirtschaftliche Perspektive Russlands.

Frau Gehringer, der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine dauert nun schon mehr als sieben Monate – und ein Ende ist nicht in Sicht. Der Westen reagiert mit massiven Wirtschaftssanktionen. Zeigen diese Maßnahmen Wirkung?

Agnieszka Gehringer: Die bisherigen Sanktionen waren zwar bisher weniger wirksam als die USA, Europa und ihre Verbündeten gehofft hatten, sie haben jedoch eine viel stärkere Wirkung, als vom Kreml behauptet. Sicher ist aber, dass Russland eine Reihe seiner wichtigsten Handelspartner verloren hat – und das dürfte sich nicht so schnell ändern.

Die russische Regierung sucht in Asien nach neuen Partnern. China bietet sich da an…

… und das bereits seit vielen Jahren. Der Anteil der russischen Exporte nach China im Verhältnis zu den gesamten russischen Exporten ist von sieben Prozent im Jahr 2012 auf 14 Prozent im Jahr 2021 deutlich gestiegen. Auch der Anteil der Einfuhren Russlands aus China an den gesamten russischen Einfuhren ist gestiegen, und zwar von 16 Prozent im Jahr 2012 auf 25 Prozent im Jahr 2021.

Wird Russland auch für China relevanter?

Nun ja, trotz der Steigerungen machte der Austausch von Waren und Dienstleistungen mit Russland im Jahr 2021 nur 2,8 Prozent des gesamten chinesischen Handels aus. Auch wenn es da Steigerungspotenzial gibt, bleibt das eher eine Rundungsgröße.

Wie groß fiel das Handelsvolumen Russlands mit dem Westen aus?

Vor dem Krieg machten die zehn wichtigsten Exportziele Russlands, darunter die Niederlande, Deutschland, das Vereinigte Königreich, Italien, die USA und die Republik Korea rund 30 Prozent der gesamten russischen Exporte aus. Der Ukrainekrieg sorgte dann für seismische Verwerfungen, deren Folgen langfristig sein dürften und die sich in den nächsten Jahren immer deutlicher zeigen werden.

Bitte geben Sie uns Beispiel.

Nehmen wir einmal Deutschland. Während die deutschen Exporte nach Russland im Januar und Februar 2022 noch über dem Niveau der entsprechenden Monate im Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021 lagen, brachen sie danach um fast 56 Prozent ein. Und der Westen hat bereits weitere Sanktionen angekündigt.

Die Importe aus Russland sind aber noch nicht in einem vergleichbaren Maße eingebrochen, …

… was an den massiv gestiegenen Energiepreisen liegt.Deutschland möchte sich aber von der Abhängigkeit aus russischen Energieimporten verabschieden und Russland liefert kein Gas mehr. Auch dieser Trend ist also rückläufig. Fast 80 Prozent der deutschen Importe aus Russland sind mineralische Brennstoffe, für die Russland in letzter Zeit einen Lieferstopp verhängt hat. Die Störung der bilateralen Handelsbeziehungen zwischen Russland und Deutschland ist groß und wird dauerhaft sein.

Kann China diese Lücken schließen?

Dort gab es bei den russischen Exporten die größten Zuwächse. Zwischen Mai und Juli 2022 betrug das Plus im Schnitt 52 Prozent im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021. Das lag vor allem an den Öl- und Kohlelieferungen. In Zukunft soll auch mehr Gas exportiert werden. Es ist aber fraglich, ob das die ausfallenden Gaslieferungen nach Europa absorbieren kann.

Geht Putins Plan auf, den Westen zeitnah mit neuen Partnern wie China zu ersetzen?

Das dürfte selbst langfristig kaum möglich sein. Es bleibt zudem fraglich, ob China oder Indien eine weitere Eskalation des russischen Krieges in der Ukraine mittragen würden. Zuletzt gab es auch von dieser Seite und in dieser Hinsicht Kritik. Für China und Indien bedeutet die Unterstützung Russlands ein zunehmendes Risiko, ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen zu vernachlässigen. Vor allem die militärische und technologische Unterstützung Russlands könnten westliche Sanktionen gegen sie nach sich ziehen.

Der Westen ist ein sehr viel größerer Markt als Russland.

Peking und Neu-Delhi haben es bisher sorgfältig vermieden gegen die Sanktionen zu verstoßen, die der Westen gegen Russland verhängt hat. Das zeigt, dass sie auf westliches Kapital und westliche Technologie angewiesen sind, um ihre weitere Entwicklung im In- und Ausland zu unterstützen. Die beiden asiatischen Mächte werden daher wahrscheinlich versuchen, sich ihre Optionen so lange wie möglich offen zu halten.

Wird Putin zum Juniorpartner Xis?

Natürlich gibt es einige Unsicherheiten, was die Zukunft bringt. Für Russland dürften die wachsende Abhängigkeit von China und die anhaltende Dominanz Pekings in den bilateralen Beziehungen die wirtschaftlichen Risiken für die russische Wirtschaft erhöhen. Zumindest wenn sich die chinesischen Interessen – aus welchen Gründen auch immer – einmal gegen Russland wenden sollten. Da aber Russland China mehr braucht als umgekehrt, wird Moskau eher als Peking bereit sein, diese Freundschaft als „grenzenlos“ zu betrachten.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

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