31.05.2022 - Bert Flossbach

Warum die Preise (weiter) steigen


Warum die Preise (weiter) steigen

Inflation ist das Thema der Stunde. Sie wird uns erhalten bleiben – auch weil die Notenbanken nicht gegensteuern (können).

Mehr als drei Monate dauert der russische Angriffskrieg auf die Ukraine nun an. Angesichts des neuen Ost-West-Konflikts stellen sich der freien Welt einige ganz praktische Aufgaben. Der Westen muss etwa darauf hinarbeiten, sich unabhängiger von russischen Energie- und Rohstoff­importen zu machen und seine Verteidigungsfähig­keit zu verbessern.

Höhere Energiepreise, steigende Kosten für den Ersatz fossiler Brennstoffe und die Sicherung der Energieversorgung, steigende Verteidigungsausgaben und eine Neuorganisation von Lieferketten belasten die Staatshaushalte und treiben die Preise. Im Mai stieg die Inflation in Deutschland laut vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes um 7,9 Prozent zum Vorjahreszeitraum. Staatliche Hilfs- und Unterstützungsprogramme wie das Energiegeld sollen die Auswirkungen auf Haushalte mit geringem Einkom­men zumindest temporär begrenzen, um den sozialen Frieden zu wahren. Sie können aber nicht dauerhaft die Auswirkungen des Preisschocks kompensieren – dazu hat der Staat nicht das Geld.

Auch deshalb werden die Gewerkschaften in den kommenden Tarifrunden hohe Forderungen stellen – und sich wohl kaum mit dem Hinweis auf ein kurzes Inflationsintermezzo beschwichtigen lassen. Hinzu kommt: Die zunehmenden Engpässe am Arbeitsmarkt werden sich in den kommenden Jahren durch die Verabschiedung vieler Baby-Boomer in die Rente weiter verschärfen, was den Anstieg der Löhne und Gehälter weiter beschleunigt.

Die Lohn-Preis-Spirale

Eine Lohn-Preis-Spirale und damit eine Verfestigung höherer Inflationsraten wird immer wahrscheinlicher, denn die Inflation beginnt sich in den Köpfen der Menschen festzusetzen. Ein Rückgang der Inflationsraten in Richtung der Zwei-Prozent-Zielmarke der Notenbanken rückt jedenfalls in weite Ferne.

Damit stehen wir am Beginn eines neuen Inflations­regimes. Der Auftrag der Notenbanken, für Preisstabilität zu sorgen, bedeutet nun nicht mehr, eine zu niedrige Inflation nach oben zu treiben, sondern eine zu hohe Inflation zu drücken – aber wie?

Den Geist, den die Notenbanken mit ihrer lockeren Geldpolitik aus der Flasche gelassen haben, dürften sie nicht mehr dorthin zurückbekommen. Die Preisexplosion an den Tankstellen und die mediale Allgegenwärtigkeit des Themas sensibilisiert die Menschen.

Wenn Preisstabilität dann ist, wenn die Leute aufgehört haben, über Inflation zu reden, erleben wir derzeit das Gegenteil. Der mentale Inflationsanker der Menschen beginnt sich von der angestrebten Zwei-Prozent-Zielmarke zu lösen. Sie richten sich auf steigende Preise ein und passen ihr Konsumverhalten, soweit möglich, an. Wer deutlich steigende Preise erwartet, zieht geplante Käufe vor, etwa bei langlebigen Konsum- und Wirtschaftsgütern wie Autos, Möbeln oder Elektronik. Der Haken liegt derzeit aber weniger beim Preis als bei der mangelnden Verfügbarkeit und langen Lieferfristen.

Die Rolle der Notenbanken

Um die Inflation deutlich zu senken und wieder bei den angestrebten zwei Prozent zu verankern, müssten die Zentralbanken die Zinsen so stark erhöhen, dass die Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern auf ein Niveau fällt, das zu einer Stabilisierung der Preise führt. 

Angesichts der knappen Angebotslage wäre dieser Effekt derzeit wohl nur mit weitaus drastischeren Zinserhöhungen zu erreichen als in der Vergangenheit. Eine Politik wie die des früheren US-Notenbankchefs Paul Volcker, der 1980 zur Bekämpfung von Inflationsraten von bis zu 15 Prozent den Leitzins kurzfristig auf 20 Prozent angehoben und über mehrere Jahre bei über zehn Prozent belassen hat, wäre heute zum Scheitern verurteilt.

Dazu ist die Verschuldung im Gegensatz zu früher viel zu hoch. Für die Eurozone dürfte schon ein Zinsniveau von zwei bis drei Prozent problema­tisch sein und alles darüber hinaus sogar bedrohlich.

Schon jetzt handeln die Anleihen der hochverschul­deten Staaten mit deutlichen Risikoaufschlägen gegenüber Bundesanleihen. Würden deren Renditen im Zuge einer ernsthaften Inflationsbekämpfung der EZB auf zwei bis drei Prozent steigen, dürfte das Renditeniveau italienischer Staatspapiere eher bei vier bis fünf Prozent liegen. Spätestens dann müsste die EZB zurückrudern und zumindest wieder begin­nen, Anleihen der betroffenen Länder zu kaufen, um die Renditen zu drücken.

Den Notenbanken sind also die Hände gebunden. Vor allem die EZB hat keinen großen Spielraum, die Zinsen zu erhöhen; jedenfalls nicht auf Niveaus, die für eine erfolgversprechende Inflationsbekämpfung erforderlich wären. Deshalb stehen wir am Beginn einer längeren Phase mit deutlich negativen Realzinsen – mit entsprechenden Folgen für Zinssparer.

 

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