02.03.2021 - Thomas Lehr

Wer soll das bezahlen?


Wer soll das bezahlen?

Die Staatsschulden steigen rasant. Das von den Notenbanken finanzierte Fiskal-Experiment birgt Risiken. Ein Aspekt wird dabei gerne übersehen.

Solidarität ist wichtig, besonders in Krisen. Mit Blick auf die Ökonomie in Zeiten einer globalen Pandemie bedeutet das: Milliardenschwere Hilfsprogramme der Staaten für Unternehmen und Bürger. Über die Ausgestaltung (und Umsetzung) solcher Programme lässt sich sicher trefflich streiten. Klar ist aber, dass die Staatsschulden zurzeit ins Uferlose steigen.

Die Sorgen vor den Folgen einer zu einem guten Teil von den Notenbanken finanzierten Schuldenflut sind sicher berechtigt – vor allem, wenn man die stark steigenden Staatsschulden durch die Brille eines Privatanlegers sieht, für den klar ist: Irgendwann muss ich das Geld, das ich mir ausleihe, auch wieder zurückzahlen. Der Schuldenstand muss nominal zurück auf null. An dieser Einstellung ist sicher im Grundsatz auch nichts auszusetzen.

Der ewige Schuldner

Ein Staat hat, anders als eine Privatperson, kein festes Renteneintrittsalter oder gar sein Ableben im Blick. Die Ausgangslage lässt sich eher mit der eines Unternehmens vergleichen. Die Lebensdauer ist offen. Es geht nicht in erster Linie darum, den Schuldenstand um jeden Preis auf null zurückzuführen. Trotzdem sollte die Bilanz stimmig sein, das Verhältnis zwischen Vermögen respektive Einkommen einerseits und den Schulden andererseits in einem akzeptablen Rahmen bleiben. Darüber, was „stimmig“ und „akzeptabel“ konkret bedeutet, gehen wie bei jeder Bilanz die Meinungen auseinander.

Selbst wenn man die Tragfähigkeit der Schulden als Mindestziel formulieren würde, hängt diese von diversen Annahmen ab, wie zum Beispiel der Entwicklung des Zinses. All diese Diskussionen wollen wir an dieser Stelle nicht führen. Es soll lediglich aufgezeigt werden, dass sich die Bilanz auch dann verbessern kann, wenn Schulden nicht zurückgeführt werden oder sogar weiter wachsen.

Ein Blick in die Nachkriegsgeschichte der USA zeigt ein besonders prominentes Beispiel. In den 1950er-Jahren reduzierte das Land seine im Zuge des Weltkrieges gewaltig angestiegenen Schulden mittels „finanzieller Repression“, in der hohe Inflations- und Wachstumszahlen bei zeitweise staatlich gedeckelten Zinsen den Wert der Schulden „wie von Geisterhand“ reduzierten.

Folgende Grafik zeigt, wie die US-Schulden relativ zur Wirtschaftsleistung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1960er-Jahre zurückfielen. Nicht, weil Schulden getilgt wurden, denn die absolute Höhe der Schulden stieg nach einer kurzen Pause in den späten 1940ern an.

Solche Phasen lassen sich beinahe in jedem Land finden. Bis zum Ausbruch der Pandemie gab es beispielsweise in Deutschland eine Phase, die zu einer ähnlichen, wenn auch nicht identischen Situation geführt hat. Wenn auch in deutlich kleinerem Maßstab als in den USA. Zwischen den Jahren 2010 und 2019 gingen die Schulden in Deutschland relativ zur Wirtschaftsleistung spürbar zurück, obwohl sie – absolut gesehen – weitaus langsamer geschrumpft sind.

Beim Blick auf die langfristige Entwicklung von Schulden und Wirtschaftsleistung (= Einkommen) Italiens wird die Antwort auf die Frage „Wer soll das bezahlen?“ noch etwas griffiger: Seit 1870 sind die Schulden Italiens um das 500.000-fache gestiegen. Doch diese Aussage allein ist wenig wert, weil sie ausblendet, dass Italien in den vergangenen 150 Jahren auch seine Wirtschaftsleistung von 4,7 Millionen auf 1,6 Billionen Euro steigern konnte.

Übersetzen wir die Aussage der „stimmigen Bilanz“ ganz vorsichtig damit, dass sich der Schuldenstand trotz tiefer Zinsen zumindest mal wieder in die Richtung der Wirtschaftsleistung bewegen sollte, wird die Aufgabe für Italien sicher nicht einfach. Zumindest mit Blick auf die folgende Grafik sieht diese Aufgabe aber doch deutlich lösbarer aus als eine vollständige Rückzahlung der Schulden, wie es bei der im Titel gestellten Frage oftmals mitschwingt.

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