22.02.2022 - Julian Marx

Zwei zum Preis von drei


Zwei zum Preis von drei

Die Währung in der Türkei verliert rasant an Wert. Auch in der Eurozone steigen die Preise. Droht hier eine ähnlich massive Inflation ? Eine Analyse.

„Drei zum Preis von zwei!“ – Solche Werbeslogans lassen die Herzen vieler Schnäppchenjäger höherschlagen. In der Türkei hat sich dieses Bild in den vergangenen Monaten (und Jahren) jedoch auf dramatische Weise umgekehrt. Angesichts der hohen Inflation ist der Leitspruch „Zwei zum Preis von drei“ die neue Realität, wenn man durch Istanbuls Straßen schlendert.

Das türkische Statistikamt meldete für Januar einen Anstieg der Verbraucherpreise um 48,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Eine außergewöhnliche Beschleunigung – nach 36 Prozent Inflation im Dezember und rund 20 Prozent in den Monaten zuvor. Übertragen auf den Alltag der Türken bedeutet das: Für das Geld, für das ich mir vor genau einem Jahr noch drei Äpfel kaufen konnte, bekomme ich heute nur noch zwei. Aus Sicht eines türkischen Verbrauchers hat die Kaufkraft der Türkischen Lira in den vergangenen fünf Jahren gar um 61 Prozent abgenommen (siehe Grafik). Preisstabilität sieht anders aus.

 

Das Thema Inflation birgt sozialen Sprengstoff. Insbesondere Arbeitnehmer, die unterdurchschnittlich verdienen, haben in der Türkei zumeist eine schwache Lohnverhandlungsmacht. Wenn die Preise sich binnen Monaten um zweistellige Prozentsätze erhöhen, die Löhne der Geringverdiener aber nicht (oder nicht im Gleichlauf) nachziehen, folgen oftmals existenzielle Sorgen. Wie soll die nächste Monatsmiete bezahlt werden? Reicht das Geld, um den Kindern Schuhe zu kaufen?

Die Kosten hoher Inflation

Eine hohe Inflation hat Folgen, nicht nur in der Türkei. Oft sinken die Wachstumsaussichten, vor allem Schwellenländer sind hart betroffen. Verliert das Geld rasant an Wert, ziehen ausländische Kapitalgeber vermehrt ihre Devisen ab. In Verbindung mit einer erhöhten politischen Unsicherheit hat dies bei der Türkischen Lira eine Abwertungsspirale in Gang gesetzt. In den vergangenen fünf Jahren hat die türkische Währung rund drei Viertel ihres Wertes gegenüber dem Euro eingebüßt. Auslandsschulden, aber auch Importe werden daher zusehends teuer. Die aus Kosteninflation und Währungsabwertung resultierende Investitionsunsicherheit ist enorm. Wie soll ein Unternehmer den mehrjährigen Bau einer Fabrik planen, wenn er heute keinerlei Idee davon hat, welche Kosten auf ihn zukommen könnten?

Kurzfristig konnte die türkische Wirtschaft trotz der negativen Rahmenbedingen zuletzt (noch) wachsen. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Jahres 2021 lag gut zehn Prozent höher als im Jahr 2019, also vor dem Ausbruch der Coronakrise. Einerseits profitierten türkische Exporteure vom Verfall der Türkischen Lira. Andererseits befeuerten zu niedrige Zinsen den Konsum immer weiter und sind mitverantwortlich für den jüngst gesehenen Inflationshöchststand von fast 50 Prozent im Januar.

Allerdings ist die Inflationsdynamik mittlerweile derart ausgeprägt, dass sich viele Menschen vom BIP-Wachstum der vergangenen zwei Jahre nichts mehr kaufen können. Eine aus ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten fatale Entwicklung, deren mittel- bis langfristige Auswirkungen heute noch nicht absehbar sind.

EZB – Wegschauen verboten

Von einem derartigen Anstieg der Verbraucherpreise sind die Menschen in der Eurozone glücklicherweise meilenweit entfernt. Aber auch hierzulande sind die Aufwärtsrisiken für Inflation deutlich gestiegen. Im Januar betrug die jährliche Teuerungsrate in der Eurozone 5,1 Prozent nach 5,0 Prozent im Dezember. Deutlich mehr, als die Verbraucher der Eurozone historisch gewohnt sind – lag doch die durchschnittliche Inflationsrate im vergangenen Jahrzehnt bei gerade einmal 1,3 Prozent.

Dies veranlasste die Europäische Zentralbank (EZB) dann auch, ihre geldpolitische Haltung zu überdenken. Noch im Dezember bekräftige EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die Zinsen im Jahr 2022 nicht erhöhen zu wollen. Nur zwei Monate später, im Februar 2022, ist davon angesichts der erneut rekordhohen Eurozonen-Inflation nichts mehr zu hören. Im Gegenteil: Lagarde machte deutlich, dass die Präsidentin und der EZB-Rat die jüngsten Inflationsdaten sehr ernst nehmen. Im März möchte sie verkünden, was das konkret für die kommende Geldpolitik bedeutet.

Wird der „Strafzins“ abgeschafft?

Die EZB hat den Ernst der Lage also erkannt. Eine sich möglicherweise selbstverstärkende Inflation einfach laufen zu lassen, ist keine Option . Die Entwicklungen in der Türkei sollten hier ein mahnendes Beispiel sein. Somit ist die Wahrscheinlichkeit von mindestens einer Zinserhöhung im Jahr 2022 deutlich gestiegen. Für Sparer könnte das Ende der häufig als „Strafzins“ titulierten „Verwahrentgelte“ auf Einlagen somit früher kommen als gedacht.

Das langfristige Ziel der Preisstabilität gibt es aber nicht umsonst. Dass höhere Zinsen zu höheren Refinanzierungskosten bei Unternehmen, Staaten und Privathaushalten führen, und damit die kurzfristigen Wachstumsaussichten der Eurozone dämpfen können, ist der Preis, den man bereit sein muss zu zahlen. Ein Preis, der sich langfristig aber bezahlt machen sollte! 

 

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