Ein Gespräch mit Professor Agnieszka Gehringer vom Flossbach von Storch Research Institute zur Dominanz Chinas in diesem Bereich.
Frau Professor Gehringer, diese Tage hört man insbesondere beim Handelskrieg zwischen den USA und China immer wieder vom Thema seltene Erden. Diese Rohstoffe scheinen das höchste Ass im Ärmel des chinesischen Präsidenten Xi Jinping gegenüber dem US-Präsidenten Donald Trump zu sein, die sich im April treffen wollen.
Ja, denn seltene Erden sind für moderne Technologien unverzichtbar geworden, von Elektrofahrzeugen und Windkraftanlagen bis hin zu fortschrittlicher Elektronik und Verteidigungssystemen werden sie gebraucht. Ihre strategische Bedeutung wird durch die dominante Position Chinas in der gesamten Lieferkette deutlich, auch weil das Land diese Ressourcenvorteile in Exportbeschränkungen ummünzt, mit denen es versucht, systematisch Einfluss zu nehmen.
Sie haben hier unlängst eine Studie erstellt. Wie stark sind unsere Abhängigkeiten von China?
Sehr groß. In den letzten drei Jahrzehnten hat sich China durch die Kombination von Bodenschätzen mit umfangreichen Raffinerie- und Verarbeitungskapazitäten zum zentralen Engpass in der globalen Lieferkette für seltene Erden entwickelt. Diese Dominanz wurde erstmals 2010 offensichtlich, als China ein Exportembargo gegen Japan verhängte. Das führte damals zu dramatischen Preisanstiegen bei diesen Rohstoffen und legte die Anfälligkeit der Industrieländer offen. Neuerliche Exportbeschränkungen für Gallium, Germanium und Verarbeitungstechnologien haben von 2023 bis 2024 erneut zu Bedenken hinsichtlich der Instrumentalisierung wirtschaftlicher Interdependenz geführt und diverse Initiativen für mehr Diversifikation angeregt.
Sind denn die seltenen Erden, bei denen es sich ja eigentlich um 17 Metalle handelt, wirklich so selten?
Eigentlich nicht. Tatsächlich ist der Begriff „Seltene Erden“ nach modernen Maßstäben irreführend. Als diese Elemente Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals in der Nähe des Dorfes Ytterby in Schweden entdeckt wurden, erschienen sie selten, da sie mit den damals verfügbaren Analysetechniken nur in sehr geringen Mengen gewonnen werden konnten. Die meisten Seltenerdelemente sind jedoch in der Erdkruste durchaus verbreitet. Beispielsweise kommt Cer sogar häufiger vor als weit verbreitete Industriemetalle wie Kupfer. Doch seltene Erden kommen in der Regel in geringen Konzentrationen vor und lassen sich nur schwer und aufwendig trennen. Daher kann nur eine begrenzte Anzahl von Lagerstätten wirtschaftlich abgebaut werden.
Und bei diesem anspruchsvollen Abbau dieser Produkte und bei der Herstellung von Vorprodukten hat sich China einen Vorsprung erarbeitet?
Exakt. Seltene Erden sind in komplexen Erzen gebunden und müssen mit aufwendigen chemischen Trennverfahren voneinander separiert werden. Diese Prozesse sind technologisch anspruchsvoll, kostenintensiv und mit erheblichen Umweltbelastungen verbunden – insbesondere durch giftige Rückstände und radioaktive Nebenprodukte. China hat frühzeitig – seit den 1980er Jahren – eine Industriepolitik verfolgt, die genau auf den Aufbau dieser Verarbeitungs- und Raffinierungskapazitäten ausgerichtet war. Während andere Länder Umwelt- und Genehmigungsfragen stärker priorisiert haben, wurden die ökologischen Risiken in China lange Zeit nachrangig behandelt. Dadurch hat das Land nicht nur umfangreiche Förderkapazitäten aufgebaut, sondern vor allem einen technologischen und industriellen Vorsprung in der Verarbeitung und bei der Herstellung von Vorprodukten wie Magneten, Legierungen und Oxiden erarbeitet.
Und genau hier liegt der Engpass? Nicht bei den Vorkommen?
Genau, diese mittleren und nachgelagerten Wertschöpfungsstufen sind entscheidend. Neue Projekte außerhalb Chinas benötigen viele Jahre, um von der Exploration über die Genehmigung und den Aufbau der Infrastruktur bis zur kommerziellen Produktion zu gelangen. Der Vorsprung Chinas ist daher weniger geologisch als industriepolitisch und technologisch bedingt.
Also dominiert China den Markt. Kann man das an Zahlen festmachen?
Ja, China kontrolliert etwa 60 Prozent der weltweiten Minenproduktion und über 85 Prozent der Raffineriekapazitäten. Zudem bietet nur eine Handvoll Unternehmen insbesondere den Zugang zu verarbeiteten Materialien für die Herstellung von Magneten, Katalysatoren und Batterien.
Glauben Sie, dass der Westen hier aufholen kann?
Möglich, aber es wird nicht einfach und würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Wenn globale Produktionsnetzwerke von stark konzentrierten Lieferanten abhängig sind, deren Marktmacht durch Skaleneffekte, technologische Barrieren und politische Kontrolle über kritische vor- oder nachgelagerte Knotenpunkte verstärkt wird, deutet das darauf hin, dass marktgetriebene Anpassungsmechanismen allein nicht ausreichen, um die Wertschöpfungsketten wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Die Politik muss also ran. Wozu würden Sie raten?
Es ist ein Ansatz erforderlich, der sämtliche Stufen der Wertschöpfungskette – von der Gewinnung über die Veredelung und Trennung bis hin zur Komponentenfertigung und Integration in Endanwendungen – einbezieht. Und tatsächlich hat die EU mit der Verordnung über kritische Rohstoffe (Critical Raw Materials Act) erstmals verbindliche Benchmarks für 2030 entlang der gesamten Wertschöpfungskette festgelegt und die Abhängigkeit von einem einzelnen Drittland strukturell begrenzt. Hinderlich ist jedoch, dass die EU an hohen umwelt- und sozialpolitischen Nachhaltigkeitsstandards festhält, die den raschen Aufbau heimischer Förder- und Verarbeitungskapazität hemmen. Zudem gilt es darüber hinaus, mit anderen Regionen der Welt zu kooperieren.
Frau Professor Gehringer, vielen Dank für das Gespräch.
Und hier finden Sie die Studie: "Die Geopolitik der Seltenheit: Eine Bestandsaufnahme strategischer Handelsabhängigkeiten für Seltene Erden" - Flossbach von Storch RI
Glossar
Verschiedene Fachbegriffe aus der Welt der Finanzen finden Sie in unserem Glossar erklärt.
RECHTLICHER HINWEIS
Diese Veröffentlichung dient unter anderem als Werbemitteilung.
Die in dieser Veröffentlichung enthaltenen Informationen und zum Ausdruck gebrachten Meinungen geben die Einschätzungen von Flossbach von Storch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder und können sich jederzeit ohne vorherige Ankündigung ändern. Angaben zu in die Zukunft gerichteten Aussagen spiegeln die Zukunftserwartung von Flossbach von Storch wider, können aber erheblich von den tatsächlichen Entwicklungen und Ergebnissen abweichen. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit kann keine Gewähr übernommen werden. Der Wert jedes Investments kann sinken oder steigen und Sie erhalten möglicherweise nicht den investierten Geldbetrag zurück.
Mit dieser Veröffentlichung wird kein Angebot zum Verkauf, Kauf oder zur Zeichnung von Wertpapieren oder sonstigen Titeln unterbreitet. Die enthaltenen Informationen und Einschätzungen stellen keine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung dar. Sie ersetzen unter anderem keine individuelle Anlageberatung.
Diese Veröffentlichung unterliegt urheber-, marken- und gewerblichen Schutzrechten. Eine Vervielfältigung, Verbreitung, Bereithaltung zum Abruf oder Online-Zugänglichmachung (Übernahme in andere Webseite) der Veröffentlichung ganz oder teilweise, in veränderter oder unveränderter Form ist nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung von Flossbach von Storch zulässig.
Angaben zu historischen Wertentwicklungen sind kein Indikator für zukünftige Wertentwicklungen.
© 2025 Flossbach von Storch. Alle Rechte vorbehalten.




