Unternehmen berichten heute eine Fülle von Nachhaltigkeitsdaten. Je stärker diese in aggregierten Scores vermischt werden, desto mehr verlieren sie ihre Aussagekraft. Was als Komplexitätsreduktion gedacht ist, endet nicht selten in trüber Eindeutigkeit. ESG-Analystin Theresa Eyerund blickt genauer hin.
Erinnern Sie sich, wie Sie als Kind mit Knete gespielt haben? Oder beobachten Sie ab und zu Kinder oder Enkelkinder dabei, wie sie die bunte Masse bearbeiten? Meine Erfahrung ist: Egal, welche leuchtenden Farben und Förmchen bereitstehen, am Ende wird alles zu einem großen bräunlichen Klumpen.
Mittlerweile habe ich den Impuls, den Kindern keine neue Knete mehr kaufen zu wollen. Aber ich verstehe, dass es bei Kindern um den Prozess geht. Das Ausprobieren, das Vermischen und durchaus auch, dass sie mit Glück eine halbe Stunde friedlich beschäftigt sind.
ESG-Daten: Viele Kennzahlen liefern wertvolle Informationen
Das unangenehme Gefühl, wenn ein frischer Knettopf geöffnet wird und die strahlende Masse in einem trüben Klumpen verschwindet, bleibt bei mir allerdings. Wahrscheinlich fühlen sich manche Bilanzbuchhalter genauso, wenn ihre aufwendig berechneten und seitenweise erklärten Nachhaltigkeitsindikatoren in einem ESG-Score, Rating oder Portfoliodurchschnitt verschwinden.
Unternehmen berichten mittlerweile eine Vielzahl von Nachhaltigkeitskennzahlen. Dazu zählen etwa der Treibhausgasausstoß, aufgeteilt in direkt, indirekt, bereinigt um erneuerbare Energien oder entlang der Wertschöpfungskette, Wasserentnahme,-verbrauch und Abwasser, Abfälle sowie soziale Indikatoren wie Fluktuation, Diversität oder Auditergebnisse.
Stellen wir uns diese Kennzahlen eines Unternehmens als einzelne bunte Knettöpfchen vor. Mit jedem Topf kann man arbeiten, manche sinnvoll miteinander kombinieren und daraus neue Farben und Formen mischen. Es bietet sich zum Beispiel an, den direkten Fußabdruck einer Fabrik durch Kraftstoffe mit dem durch Strom zu kombinieren und im Laufe der Zeit zu beobachten oder durch die Outputmenge eines in Tonnen produzierten Endprodukts zu teilen.
Damit erfahre ich, ob eine Tonne mit mehr oder weniger Energie erzeugt wurde, als im Vorjahr oder im Vergleich zu einem Konkurrenten. Wenn mich aber interessiert, ob dieses Unternehmen Kraftstoffe durch Strom ersetzt, mehr erneuerbare Energie einkauft oder einfach weniger produziert hat, sollte ich nicht zu lange auf den drei Farben herumkneten.
Denn dann kann ich die Gründe für die Entwicklung, die ursprünglich die einzelnen Farben durchaus transportiert haben, nicht mehr erkennen. Es entsteht eine vermischte Masse. Je mehr Farben ich zusammenschmeiße, auch die anderer Unternehmen, desto weniger Rückschlüsse kann ich ziehen.
Warum ESG-Scores Komplexität nur scheinbar reduzieren
Insbesondere bei sogenannten ESG-Ratings oder -Scores ist die Manscherei extrem. Hier werden Kennzahlen der verschiedensten Bereiche zusammengemischt, um sie in eine Zahlen- oder Buchstabenskala zu verwandeln: zum Beispiel Treibhausgasausstoß mit Diversität im Vorstand und Mitarbeiterfluktuation.
Die Beliebtheit dieser Scores beruht auf der Ambiguität von Nachhaltigkeit und ihrer moralischen Aufladung. Wie geht man damit um, wenn zwar das Umweltmanagement hervorragend ist, die sozialen Auswirkungen aber höchst umstritten? Oder wenn die Governance-Struktur eine starke Machtkonzentration zulässt, Ressourcen aber sehr verantwortungsvoll eingesetzt werden?
Genau diese Ambiguitäten auszuhalten ist für uns Menschen unangenehm und anstrengend. Wir streben danach, sie aufzulösen. Entweder, indem bestimmte Informationen ignoriert oder untergewichtet werden oder, indem alles zu einer scheinbar eindeutigen Information umgeformt wird.
Kaum jemand würde wohl einen Haufen vermischter Knete vorzeigen, um eine Kaufempfehlung für den Hersteller der Masse auszusprechen. Bei ESG-Themen passiert das aber immer wieder.
Finanzierte Emissionen: Was die Kennzahl wirklich aussagt
Die Qualität eines Fonds oder dessen ESG-Fortschritt wird an Kennzahlen gemessen, die Nachhaltigkeitsfortschritte oder -zustände nur begrenzt abbilden können. Besonders schwierig wird es, wenn der vermischte Klumpen als Steuerungsinstrument verwendet werden soll.
Ein Beispiel ist die Kennzahl „finanzierte Scope-1-, -2- und -3-Emissionen pro investiertem Euro“. Sie soll zeigen, wie viele Treibhausgasemissionen (über die gesamte Wertschöpfungskette) ein Investor mit seinem Portfolio „verantwortet“ oder im besten Fall „reduziert“ hat.
Die Emissionen werden aus den Nachhaltigkeitsberichten entnommen, der Wert der Investitionen wird – um unterschiedliche Anlageklassen wie Anleihen und Aktien vereinen zu können – anhand einer Kennzahl, die neben der Marktkapitalisierung auch liquide Mittel und Schulden einbezieht, bewertet.
Sinkt die Kennzahl der finanzierten Emissionen des Portfolios im Jahresvergleich, kann das aber viele Gründe haben: etwa neue Unternehmen im Portfolio, mit geringerer Intensität, eine veränderte Asset-Allokation, wie zum Beispiel mehr Kasse oder Gold, ohne Emissionen, steigender Unternehmenswert, durch einen höheren Nenner und damit einer geringeren Intensität oder eben tatsächlich Emissionsreduktionen der Portfoliounternehmen.
Die Grenzen aggregierter Nachhaltigkeitskennzahlen
Selbst bei unverändertem Portfolio und konstantem Wert, was selten der Realität entspricht, bedeutet sinkende Emissionsintensität nicht zwingend, dass die investierten Unternehmen weniger Treibhausgase ausgestoßen haben: aktualisierte Schätzmethoden der Unternehmen oder Abspaltungen von Geschäftsbereichen können die Treibhausgasbilanz beeinflussen.
Portfolioumfassende Intensitätskennzahlen bewusst zu steuern, ist daher nicht nur schwierig, sondern führt – entgegen der Annahme – auch nicht zwangsläufig zu Verbesserungen und einer Dekarbonisierung der Realwirtschaft.
So wie ich die Farbe braun entweder aus rot und grün, blau und orange, gelb und violett oder rot, gelb und blau mischen kann, kann eine Kennzahl auf verschiedene Weise reduziert werden.
Die Aggregation von Daten ist nicht das eigentliche Problem. Sie kann in vielen Kontexten Komplexität reduzieren und Vielschichtigkeit berücksichtigen. Das eigentliche Risiko liegt in der Interpretation der Kennzahl, die im ESG-Kontext fast immer moralisch aufgeladen ist.
Eine sinkende CO2-Intensität gilt als „gut“, solange sie auf tatsächliche Emissionsreduktionen in der Realwirtschaft zurückgeht – nicht auf bilanzielle Effekte wie Wechselkursveränderungen, die den Nenner der Kalkulation verändern. Auch die einzelnen Komponenten eines Ratings tragen je nach Kontext, Unternehmen oder aktuellem gesellschaftlichen Fokus unterschiedliches moralisches Gewicht.
Verändern sich die Kennzahlen aus den „falschen“ Gründen, fühlt sich ein Verbraucher womöglich betrogen oder zweifelt die ursprünglichen Einzelindikatoren an. Dabei werden diese – auch durch neue Berichtspflichten – in immer besserer Qualität zur Verfügung gestellt.
Besonders transparente Unternehmen im Portfoliokontext abzustrafen, um eine Kennzahl in die richtige Richtung zu bringen, ist der falsche Weg, mit den verfügbaren ESG-Daten umzugehen. Das passiert zum Beispiel, wenn Unternehmen freiwillig mehr Emissionen ihrer Wertschöpfungskette bilanzieren als andere (zum Beispiel Emissionen durch die Produktnutzung) – und damit ein unattraktiver Portfoliokandidat werden.
ESG-Daten richtig interpretieren statt Kennzahlen optimieren
So mühsam es ist: Die wachsende Fülle an ESG-Daten verdient einen Moment der genauen Betrachtung, bevor sie in aggregierten Scores verschwindet. Nicht als Selbstzweck oder Beschäftigungsmaßnahme, sondern weil sie Einblicke in Strategien, Chancen und Herausforderungen bietet und so Grundlage für Analyse und Engagement eines aktiven Investors sein kann. Ein verantwortungsvoller Umgang der Daten-Leser ist genauso wichtig wie eine sorgfältige Bereitstellung.
Denn eines ist auch klar. Nach dem Kneten aufzuräumen und die Reste von Tisch und Boden zu kratzen, wenn die Kinder das Interesse an den jetzt unansehnlichen Klumpen verloren haben, macht für die Erwachsenen wenig Spaß.
Ähnlich frustrierend dürfte es für die Nachhaltigkeitsabteilungen und Accountants sein, wenn ihre Unternehmen pauschalisiert und Indikatoren ohne Kontext interpretiert werden. Dann schwindet womöglich die Bereitschaft, neue Knete bereitzustellen.
Auch Kunden dürften schnell das Interesse an den präsentierten Kennzahlen verlieren, wenn sich fernab des Basteltisches – also der Excel-Tabellen und Portfoliosteuerungs-Software – doch nichts verändert.
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