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Bonds in the Spotlight
6 Minuten

Die Preise steigen, die Zinsen auch

- Julian Marx

In der Ruhe liegt die Kraft, auch in der Geldpolitik. Für gewöhnlich meidet die Europäische Zentralbank (EZB) einen übermäßigen Spannungsbogen im Vorfeld etwaiger Zinsanpassungen. Auch diesmal nahm Bundesbankpräsident Joachim Nagel die Zinsentscheidung quasi vorweg, als er sich Anfang September gegenüber der französischen Tageszeitung Le Monde äußerte:

 „Derzeit liegt die Inflation nicht in der Nähe unseres mittelfristigen Zielwerts […]. Und gemäß den Projektionen von Juni wird sie nur unter der Annahme höherer Zinsen wieder auf den Wert von 2 Prozent auf mittlere Sicht zurückkehren. Dementsprechend preisen die Märkte eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 95 Prozent ein, dass wir die Zinsen auf unserer Sitzung im September anheben werden. Ich würde sagen, dass die Märkte unsere Reaktionsfunktion inzwischen recht gut verstehen.“

Gesagt getan: Im Ergebnis reagierte die EZB beim aktuellen Zinsentscheid auf ein weiterhin angespanntes Inflationsumfeld und erhöhte den Einlagenzins zum zweiten Mal in diesem Jahr – von 2,25 auf 2,5 Prozent.

Ein halbes Jahr mit hohen Preisen

Seit mittlerweile sechs Monaten pendelt die Eurozonen-Inflation um die Marke von drei Prozent. Im August betrug sie sogar 3,3 Prozent. Zeitlich fallen die erhöhten Inflationsraten bekanntermaßen mit den US-Angriffen auf den Iran und den resultierenden Angebotsengpässen bei fossilen Brennstoffen zusammen. So gesehen überrascht es nicht, dass die Energiepreise im August um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr zulegten und bis zuletzt Haupttreiber der jüngeren Preisentwicklung blieben.

Aus geldpolitischer Sicht lassen sich hieraus verschiedene Schlüsse ziehen. Gewissermaßen positiv ist der Umstand, dass die jüngsten Energiepreisanstiege weiterhin noch ein gutes Stück hinter denen des Jahres 2022 zurückgeblieben sind: Mit Beginn des Ukraine-Kriegs kletterten die Energiepreise im Vorjahresvergleich um zeitweise mehr als 40 Prozent. Bei allen berechtigten Inflationssorgen nimmt das der gegenwärtigen Situation zumindest etwas Dramatik.

Hoffnungsfroh stimmt zudem, dass das Wachstum im Euroraum im zweiten Quartal etwas höher als erwartet ausfiel. Die heimische Konjunktur erweist sich trotz der geopolitischen Unwägbarkeiten sowie der anhaltend hohen Ölpreise als etwas resilienter als gedacht. Das untermauern auch die neuesten Projektionen der EZB-Mitarbeiter, die für dieses Jahr von 0,9 Prozent Wachstum in der Eurozone ausgehen, nachdem sie im Juni noch mit 0,8 Prozent rechneten. Dementsprechend erlaubt das zaghafte Wachstum unverändert einen gewissen zinsseitigen Handlungsspielraum, den die EZB mit dem aktuellen Zinsentscheid zu nutzen wusste.

Das Risiko von Zweitrundeneffekten steigt

Damit hat die EZB ihre geldpolitischen Hausaufgaben zumindest für den Augenblick erledigt: Denn noch ist die Inflation schlichtweg zu hoch, und die Wahrscheinlichkeit von Zweitrundeneffekten steigt, wenn die Inflation über einen längeren Zeitraum erhöht bleibt. So könnten beispielsweise die Gewerkschaftsforderungen bei den näher rückenden Lohnverhandlungen an Lautstärke gewinnen, wenn sich das Inflationsbild nicht bald entspannt. Das wiederum würde Aufwärtsdruck für die lohnintensive Dienstleistungsinflation mit sich bringen, die seit mittlerweile 53 Monaten bei mindestens drei Prozent liegt.

Das neue Basisszenario der EZB-Mitarbeiter unterstreicht dieses herausfordernde Umfeld. Dort wird für das kommende Jahr eine Kerninflation, die die volatilen Lebensmittel- und Energiepreise ausklammert, von 2,6 Prozent projiziert. Eine zeitnahe Rückkehr zum Zwei-Prozent-Inflationsziel ist somit keineswegs selbstredend.

Auf Sicht fahren

Mit dem neuerlichen Zinsschritt trägt die EZB dem gestiegenen Risiko von Zweitrundeneffekten Rechnung. In der Zeit nach der September-Sitzung könnten die Karten allerdings auch jederzeit neu gemischt werden.

So schwanken die Öl- und Gaspreise weiter erheblich und es ist nach wie vor nicht absehbar, wann es zu einer Lösung im Konflikt um die Straße von Hormus kommt. Während eine Wiederaufnahme der Schifffahrt zu einer raschen Entspannung bei den Energiepreisen beitragen würde, könnte eine (noch) länger anhaltende Blockade zusehends in nachgelagertem Aufwärtsdruck münden, etwa bei der Lohninflation.

Je nach Szenario ergeben sich damit unterschiedliche Implikationen für die Geldpolitik. Dementsprechend besteht derzeit auch kein Anlass, etwas am bewährten Ansatz, von Sitzung zu Sitzung zu entscheiden, zu ändern.

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