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Aktien
8 Minuten

Sind wir in einer Blase?

- Redaktion Flossbach von Storch

Das Thema Künstliche Intelligenz beherrscht die Finanzmärkte. Kubilay Yalcin, Portfoliodirector Equities, zeigt, warum Euphorie kein guter Ratgeber ist.

Herr Yalcin, die Finanzmärkte scheinen nur noch ein Thema zu kennen: Künstliche Intelligenz (KI). Sobald Unternehmen damit in Verbindung gebracht werden, steigen die Aktienkurse rasant. Sind wir bereits in einer Blase?

Tja, das Dumme an Spekulationsblasen ist, dass man sie erst dann erkennt, wenn sie platzen. Aber im Ernst – auch wir sehen derzeit einige Anzeichen dafür, dass die Euphorie in diesem Bereich beachtlich gestiegen ist.

Manche Bewertungen werden inzwischen durchaus als ambitioniert bezeichnet. Wie sieht das bei den Ergebnissen aus?

Das muss man natürlich differenziert betrachten – von Unternehmen zu Unternehmen. Aber in den vergangenen drei Jahren haben wir eine der außergewöhnlichsten technologischen Investitionswellen der jüngeren Kapitalmarktgeschichte erlebt. KI ist zu einem industriellen Investitionszyklus geworden und vor allem Nvidia gilt als Synonym für die herausragende Entwicklung der KI-Profiteure. Und das Unternehmen meldete für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2026 einen Rekordumsatz von 81,6 Milliarden US-Dollar. Das ist ein Plus von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Sie meinen, das Narrativ passt?

Die Story bei KI ist real. Die Nachfrage ist real, die Gewinne sind real. Und genau deshalb wird es für Investoren so schwierig. Denn je überzeugender eine fundamentale Entwicklung ist, desto größer wird die Gefahr, dass der Markt diesen Erfolg zu weit in die Zukunft extrapoliert. Außerdem geht es ja bei KI nicht mehr nur um Nvidia.

Inwiefern?

KI hat sich längst zu einer industriellen Wertschöpfungskette entwickelt, bei der Nvidia zwar im Zentrum der Wahrnehmung steht. Aber der Infrastrukturzyklus reicht deutlich weiter. Er umfasst neben Chipdesignern wie Nvidia auch Halbleiterausrüster, Speicherhersteller, Packaging, Server, Netzwerke, optische Komponenten, Stromversorgung, Kühlung und Rechenzentrumsinfrastruktur.

In diesen Bereichen waren zuletzt ebenfalls stark steigende Kurse zu beobachten.  Halten die Gewinne der Unternehmen in diesen Fällen den Erwartungen stand?

Das kommt natürlich immer auf die einzelnen Unternehmen an. Aber auch hier gibt es einige gute Beispiele dafür. Legrand bietet beispielsweise spezialisierte Infrastrukturlösungen für Rechenzentren, um den Energie- und Kühlbedarf zu decken. Dieses Unternehmen meldete im ersten Quartal 2026 ein organisches Umsatzwachstum von +9 Prozent. Aber auch der Hersteller von Hochleistungskabeln und Steckverbindungen Amphenol berichtete über ein organisches Umsatzplus von 33 Prozent.

Die Zeche dafür zahlen derzeit die Hyperscaler, also insbesondere Microsoft, Amazon, Alphabet und Meta, die gigantische Summen investieren, um Rechenzentren zu bauen.

Das ist richtig, wobei auch Oracle inzwischen hier genannt werden sollte. Und all diese Unternehmen haben ihre geplanten Investitionen im ersten Quartal nochmal erhöht, obwohl immer wieder Zweifel aufkommen, ob sich diese Investitionen rechnen werden.

Wäre hier aus Investorensicht nicht mehr Skepsis angesagt?

Sagen wir mal so: Das Wesen dieser Unternehmen verändert sich. Viele der großen Plattformen waren früher hochskalierbare, kapitalleichte Unternehmen. Nun werden sie zu Betreibern gigantischer Rechennetze. Wir erleben eine Industrialisierung der Software. Das ist allerdings ein schmaler Grat. Denn die Investitionssummen sind gigantisch. Gleichzeitig kann Stillstand in einer Industrie, die permanenten Disruptionsrisiken ausgesetzt ist, tödlich sein. Davon unabhängig verfügen diese Unternehmen weiterhin über ein sehr starkes Kerngeschäft.

Und doch ist unklar, wie die Monetarisierung von KI sich auf Dauer gestalten wird?

Das ist richtig, wobei der enorme ökonomische Nutzen von KI wohl kaum bestreitbar ist. Eine Technologie kann revolutionär sein. Und dennoch können Investoren dabei Geld verlieren. Das zeigt beispielsweise die Telekom- und Glasfaserblase Ende der 1990er Jahre. Damals war das Internet eine neue bahnbrechende Technologie und die Vorstellung, dass der Datenverkehr explodieren würde, war richtig. Auch dass womöglich Glasfaser für die Netze gebraucht würde. Doch es wurde zu viel zu schnell erwartet und zu stark ausgebaut.

Inwiefern?

Nehmen Sie das US-Technologieunternehmen Corning. Es war schon zur Jahrtausendwende ein großer Profiteur des Glasfaserbooms. Die Aktie erreichte anno 2000 ein Rekordhoch, an das der Aktienkurs erst 25 Jahre später erneut herankam. Damals war die hohe Nachfrage immer weiter in die Zukunft fortgeschrieben worden.

Was ist heute ähnlich und was ist anders als kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase?

Damals wie heute begann alles mit einer plausiblen fundamentalen Wahrheit, einer echten Innovation. Das ist häufig bei Spekulationsblasen der Fall. So war es schon bei Eisenbahnen, Elektrizität, Autos, Radio und dem Internet. Und an der Börse hatten zu Beginn in der Regel die Bullen recht. Die Technologie, der Fortschritt und die Gewinne waren real. Doch je stärker die Realität der Gewinne und Cash-Flows (aktuell und in Zukunft) im Kurs reflektiert wird, desto geringer die Fehlertoleranz. In letzter Instanz sollte der Börsenkurs eben immer den Wert eines Unternehmens spiegeln.

Was könnte bei KI zu einem deutlichen Kurseinbruch führen?

Der Markt preist derzeit dauerhaft hohe Investitionen, anhaltende Engpässe und strukturelle Marktanteilsgewinne entlang der KI-Wertschöpfungskette ein. Genau darin liegt die Anfälligkeit. Fällt auch nur einer dieser Bausteine weg, können Bewertungen rasch unter Druck geraten.

Auslöser könnten also sein …

… beispielsweise zunehmende Zweifel an der Monetarisierung von KI, eine nachlassende Investitionsbereitschaft der Hyperscaler, der verstärkte Einsatz eigener technischer Lösungen durch große Kunden, regulatorische Eingriffe, eine Normalisierung der Lieferengpässe oder wachsender Preisdruck innerhalb einzelner Hardwaresegmente. Diese Liste ist keineswegs vollständig.

Welche Rolle würden dabei ambitionierte Bewertungen spielen?

Sie würden die Lage verschärfen, weil bei hohen Bewertungen die Fehlertoleranz des Marktes sinkt. Ein Kurseinbruch muss deshalb nicht einmal zwingend durch eine fundamentale Verschlechterung ausgelöst werden. Oft reicht ein unerwartetes Ereignis, um den Risikoappetit der Investoren zu dämpfen.

Ihr Tipp?

Langfristige Anleger sollten aus unserer Sicht KI im Portfolio haben. Entscheidend ist aber die Dosierung. Ein robustes Portfolio sollte an der Entwicklung partizipieren, ohne jedoch allzu sehr in Abhängigkeit zu geraten. In einem Markt, wo KI-Unternehmen zunehmend euphorisch bewertet werden, Unternehmen aus anderen, weniger beachteten Bereichen hingegen günstiger werden, ist Diversifikation wichtiger denn je.

Herr Yalcin, vielen Dank für das Gespräch.

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