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Gesellschaft
11 Minuten

Zeigen Gig-Arbeiter aus China die Zukunft der Arbeit?

- Shenwei Li

Wirtschaftsmotor, Supermacht, Parteidiktatur. Wer sich für globale Trends interessiert, der blickt nach China. Die Analystin Shenwei Li berichtet von ihren Erfahrungen – subjektiv, aus dem Blickwinkel einer Chinesin. Diesmal geht es um den Zuwachs von nicht regulären Arbeitsverhältnissen in ihrem Land.

Auf den ersten Blick klingt es nach Freiheit und modern: Sogenannte Gig-Arbeiter wickeln kurzfristig Aufträge ab, die meist über digitale Plattformen vergeben werden. Sie sind an keine festen Arbeitszeiten und -verträge gebunden. Sie arbeiten, wann und wie sie möchten. Bezahlt wird per Auftrag.

Den Unternehmen kommt diese Flexibilität in Zeiten der Künstlichen Intelligenz, in der Arbeitsprozesse immer mehr Aufgaben aufgeteilt und relativ leicht koordiniert werden können, jedenfalls sehr entgegen.

Was ist Gig-Arbeit?

Und so arbeiten in China bereits 27 Prozent aller Erwerbstätigen als Gig-Arbeiter. Im öffentlichen Dienst sollen es sogar 43 Prozent sein. Dabei verstehen wir unter Gig-Arbeit offiziell eine Tätigkeit ohne Arbeitsvertrag, wobei mehr als eine Arbeitsstunde pro Woche und gegen Entgelt gearbeitet werden muss.

Diesen erstaunlich hohen Anteil hat das chinesische Caixin-Magazin ermittelt. So gibt es nach offiziellen Daten in China circa 740 Millionen Erwerbstätige, davon 470 Millionen städtische Erwerbstätige. Dem stehen 200 Millionen  Gig-Arbeiter gegenüber. Dabei war es bei uns vor zehn Jahren ein Minderheitsphänomen.

Gig-Arbeit: Warum der chinesische Arbeitsmarkt immer flexibler wird

Wie wurde die Gig-Arbeit so rasch zum Mainstream? Einerseits dürfte die anhaltende Makroschwäche unserer Wirtschaft geholfen haben, die Zahl der Gig-Arbeiter nach oben zu treiben. So ist die durchschnittliche Lebensdauer von privaten Unternehmen zuletzt deutlich gefallen, so dass sich langjährige Arbeitsverträge in der Privatwirtschaft oft nicht lohnen.

Zudem berichteten von Caixin befragte Unternehmen, dass sie 10 Prozent aller Arbeitsstellen als Gig-Stellen auslagern und allein damit zwischen 20 und 30 Prozent Personalkosten sparen können. Denn für Festangestellte müssen Arbeitgeber Abgaben für die Sozialversicherung abführen, und das sind immerhin 35 Prozent vom Bruttogehalt, während keine solchen Kosten für Gig-Arbeiter zu übernehmen sind.

Auch müssen Unternehmen mit strengeren arbeitsrechtlichen Vorschriften rechnen, wenn sie einem festangestellten Mitarbeiter kündigen wollen. Gig-Arbeiter haben keinen Schutz.

Und so würden mehr als 52 Prozent der befragten Unternehmen den Anteil der Gig-Arbeiter gerne noch weiter aufstocken. Davon profitieren Personalvermittlungsunternehmen, die bei uns in der Lage sind, innerhalb von drei Stunden zehn Gig-Arbeiter für ein Unternehmen zu finden und den Kontakt herstellen. Die Anzahl solcher Vermittlungsunternehmen hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht.

Gig-Arbeit zwischen Freiheit und Existenzsicherung

In vielen Medienberichten sind Gig-Arbeiter jung. Sie scheinen sich meist aktiv für einen Gig statt für einen angestellten Job zu entscheiden, weil eine solche Arbeit mehr Flexibilität bietet und bei einem Misserfolg in der Regel Eltern oder Familien für eine Unterstützung bereitstehen.

Gig-Arbeiter, die hingegen älter sind als 30 Jahre, haben oft keine andere Wahl. 77 Prozent der vom Magazin Caixin befragten Fahrdienstleister gaben beispielsweise an, dass sie nach dem Jobverlust Fahrer für Plattformen geworden sind, wobei mehr als die Hälfte damit für die einzige oder hauptsächliche Einkommensquelle der Familie sorgen.

Das Problem: Die Anzahl von Taxifahrern und Fahrdienstleistern im Personenverkehr ist zwischen 2020 und 2024 um 159 Prozent gestiegen, während die Aufträge nur um 38 Prozent gewachsen sind. Entsprechend länger müssen einzelne Fahrer für ein auskömmliches Salär heute arbeiten.

In der Nebensaison arbeiten bei uns zudem ein Drittel aller Bauarbeiter als Freiberufler, in der Hochsaison sind es zwei Drittel. Auch in manchen Internetfirmen gibt es zurzeit mehr Freiberufliche als Festangestellte, in anderen Geschäftsbereichen wie im Online-Kundendienst liegt der „Outsourcing“-Anteil sogar bei 70 Prozent.

Nach einer Studie von Zhipin verdienen 45 Prozent bei Dienstleistungen wie Personenfahrten oder Paketzustellung zwischen 10.000 und 15.000 Renminbi pro Monat und bewegen sich damit im oberen Bereich des Segments. Das ist jedoch nicht überall so.

Sozialversicherung für Gig-Arbeiter: Das ungelöste Problem

Doch vor allem sind Gig-Arbeiter von schwankenden Einkommen betroffen und müssen sich selbst versichern. Es besteht jedoch kein Versicherungszwang. Wenn sie sich für die gesetzliche Sozialversicherung entscheiden, unterliegen sie den gleichen Sätzen wie festangestellte Arbeitnehmer mit einem entsprechenden Bruttoverdienst.

Allerdings müssen Gig-Arbeiter auch den Arbeitgeberanteil von 35 Prozent selbst zahlen. Das können sich viele nicht leisten. Die obige Studie zeigt, dass beispielsweise nur 10 Prozent der befragten Essenzusteller den aktuellen Sozialversicherungssatz für angemessen halten.

Auf dem vergangenen Volkskongress wurde dafür plädiert, dass Plattformen hier stärker in die Verantwortung gehen sollen. Wenn man bedenkt, dass die gesamte Gig-Belegschaft in China inzwischen fast 30 Prozent aller Erwerbstätigen ausmacht, sind jedenfalls dringend Lösungen gefragt. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, wenn ein derart großer Teil wegen hoher Sozialversicherungskosten unser System verlassen würde.

Die neueste Ausgabe der POSITION

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Haben Sie den „Helden“ auf dem Cover dieser Ausgabe erkannt? Nicht? Machen wir es kurz: Pac-Man soll es sein, Held aus dem Hause Namco und damit der Welt der Videospiele in den frühen 1980er-Jahren. Wobei er in unserem Falle eher als tragischer Held taugt, denn seine Silhouette ähnelt der einer Kuchengrafik, die wir auf Seite 24 abgedruckt haben. Sie zeigt, woraus sich in Deutschland die Rente der Ruheständler heute im Wesentlichen speist – aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Für eine alternde Gesellschaft wie der unsrigen bedeutet das in Zukunft gewiss nichts Gutes ...


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