24.05.2019 - Flossbach von Storch

„Die Probleme haben sich nicht in Luft aufgelöst“


Das Börsenjahr 2019 verläuft bislang besser, als sich das viele Investoren Ende 2018 gedacht haben – aber was folgt daraus? Ein kurzes Frage-Antwort-Spiel zwischen Philipp Vorndran und Bert Flossbach.

Wie hat sich die Positionierung der Flossbach von Storch - Multiple Opportunities Strategie seit Anfang des Jahres verändert?

Wir hatten die Kursrücksetzer im vergangenen Dezember genutzt und selektiv einzelne Positionen auf- bzw. ausgebaut. Das war aber keine Top-Down-Entscheidung, sondern im Wesentlichen eine Folge der deutlich gesunkenen Bewertungen bei verschiedenen erstklassigen Aktien. Unsere Aktienquote stieg zum Jahresanfang auf zeitweise 75 Prozent. Wir haben die folgende Erholung dann genutzt, einzelne Positionen wieder gestutzt und Gewinne realisiert.

Wie sieht die Positionierung heute aus – und warum?

Unsere Aktienquote ist auf rund 60 Prozent gesunken – also relativ deutlich, wenn man berücksichtigt, dass der Markt insgesamt kräftig gestiegen ist. Wir haben den Fuß etwas vom Gas genommen und das Portfolio defensiver aufgestellt. Das aber bitte nicht als generelles Votum gegen Aktien missverstehen.

Wir haben uns so entschieden, weil sich das Chance-Risikoprofil einzelner Titel angesichts der deutlichen Erholung zuletzt verschlechtert hat, das Marktumfeld aber immer noch anfällig erscheint, sich einzelne Sorgen, etwa die zum Handelskrieg zwischen den USA und China, sogar materialisiert haben.

Anders ausgedrückt: Die Probleme haben sich nicht einfach so in Luft aufgelöst. Ob wir unser Aktienengagement weiter zurückfahren, lässt sich derzeit aber noch nicht absehen.

Ist der Aktienanteil des Portfolios derzeit abgesichert?

Nein, aktuell nicht. Wir hatten in den vergangenen Wochen Puts auf den S&P gekauft, die aber mit der kleinen Korrektur zuletzt wieder erfolgreich geschlossen und Gewinne aus diesen Geschäften vereinnahmt. Das waren aber sehr überschaubare Größen. Bildlich gesprochen haben wir zeitweise den kleinen Zeh ins Wasser gehalten.

Eine oft gestellte Frage ist die Frage, warum nicht mehr chinesische Aktien im Portfolio sind?

In China gibt es relativ wenige Qualitätswerte, in die man investieren mag und auch kann. Probleme gibt es aus unserer Sicht vor allem in Fragen der Corporate Governance. Sind die Unternehmen so geführt, wie man sich das als kaufmännisch denkender Investor wünschen würde – sind beispielsweise die Interessen von Management und Aktionären identisch? In den meisten Fällen lautet die Antwort: nein. Das ist aber kein rein chinesisches Problem, sondern eines, das alle Emerging Markets betrifft.

Wo liegen derzeit die größten Risiken für die Kapitalmärkte – und wird Politik nicht immer wichtiger?

Ganz klar: der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der letztlich mehr ist als ein Handelskonflikt. Aus Sicht der USA geht es darum, einen Konkurrenten – insbesondere was technologisches Know-how betrifft – klein bzw. auf Distanz zu halten. Ein hoch politisches, gleichermaßen ökonomisch immens relevantes Thema, das uns noch lange begleiten wird, mindestens bis zum Ende der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump. Der Iran ist ein ähnlich bedeutsames Thema – und wird auch nicht so einfach von der Agenda verschwinden. Investoren sollten sich deshalb nicht darauf berufen, dass politische Börsen gewöhnlich kurze Beine hätten. Diese hier sind deutlich länger. Zumal all das, was in den beiden größten Volkswirtschaften passiert, Auswirkungen hat auf alle anderen. Ein weltweiter Protektionismus hätte gravierende Folgen und würde unser Weltbild, das derzeit von einer langfristig moderat wachsenden Weltwirtschaft ausgeht, ins Wanken bringen.

Was ist mit dem Brexit?

Der lässt sich vernachlässigen. Auf globaler Ebene ist er ökonomisch kaum relevant. In China spielt die Musik.

Wie groß ist der Spielraum der Notenbanken, sollte die nächste Rezession kommen?

Die Geldpolitik bleibt locker, wie viel lockerer sie im Zweifel noch werden kann, bleibt abzuwarten. Oder andersherum: Eine Zinswende, hin zu deutlich höheren Zinsniveaus, wird es nicht geben – schlicht nicht geben können. Das ist in den vergangenen Monaten einmal mehr deutlich geworden. Dem steht nicht zuletzt der Gewöhnungseffekt entgegen, der sich bei vielen Schuldnern längst eingestellt hat. In Japan lässt sich beobachten, wozu das schlussendlich führt, nämlich zu einer Zombifizierung von weiten Teilen der Wirtschaft. Genau das dürfte auch in anderen Wirtschaftsräumen passieren, allen voran in der Eurozone.

Vielleicht noch einige Gedanken zur befürchteten Rezession. Oft ist davon die Rede, der konjunkturelle Aufschwung käme alsbald an sein natürliches Ende. Dabei steht nirgendwo geschrieben, dass ein Aufschwung maximal 10, 12 oder 15 Jahre dauern darf. Gegen ein baldiges Ende spricht der Umstand (die Handelskrieg-Risiken mal beiseitegelassen), dass der Aufschwung bislang recht kraftlos verlaufen ist, also die typischen Überhitzungsmerkmale eines klassischen Boom-Bust-Zyklus fehlen.

Das Thema Nachhaltigkeit (ESG) ist in aller Munde – zu Recht?

Ich versuche, mich kurz zu fassen, sonst würde es den Rahmen sprengen. Wir sind große Befürworter nachhaltigen, also langfristigen Investierens. Das sollte aber schlicht eine Selbstverständlichkeit sein und eigentlich nicht betont werden müssen! Nichtsdestotrotz beobachten wir verwundert, welche Wendungen und Anekdoten die ESG-Diskussion immer wieder hervorbringt. Etwa die von einem großen, bekannten Fonds, der mithilfe eines ESG-Filters gereinigt werden sollte. Am Ende kam heraus, dass besagter Fonds künftig auf Kohle und Atom verzichten würde, also klassisches „Green Washing“ für den potenziell interessierten Anleger (bei uns sind Kohle und Atom schon lange außen vor). „Green Washing“ zum Wohl des Fondsabsatzes ist das eine, „Green Fraud“, also der wissentliche Missbrauch etwas anderes. Anbieter, die arglose, sich um ihr Gewissen sorgende Anleger in geschlossene Beteiligungen beispielsweise locken, die – wie so oft – nicht das halten, was sie versprechen. Gute Geschäfte mit dem guten Gewissen. Den Preis dafür werden am Ende wie so oft die Anleger zahlen.

Zum Schluss, eine kurze Manöverkritik – was lief seit Jahresanfang gut, was eher schlecht?

Wichtiger ist immer das, was nicht so gut gelaufen ist, alles andere ist zweitrangig. So haben wir rückblickend zu früh begonnen, Gewinne mitzunehmen – da hätten wir geduldiger sein müssen. Positiv dagegen war, dass wir im Dezember, als die Mehrheit davon ausging, die Kurse würden noch weiter einknicken, gegen die Marktstimmung Positionen aufgestockt haben – und obendrein kein Ausreißer nach unten dabei war.

Aktuell beträgt unsere Kassequote 20 Prozent; sie verschafft uns ausreichend Flexibilität, Anlagegelegenheiten wahrnehmen zu können, so sie sich bieten.

 

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