14.02.2020 - Flossbach von Storch

„Heute ist der Zins eine Steuer aufs Ersparte“


„Heute ist der Zins eine Steuer aufs Ersparte“

Auch wenn es dem gesunden Menschenverstand widersprechen mag: Zinsen gibt es nicht mehr. Thomas Mayer erklärt die Folgen für Unternehmen, Märkte und Menschen.

Herr Mayer, Sie sagen, dass der Staat per Zins heute eine Steuer aufs Ersparte erhebt. Wie ist das zu verstehen?
Thomas Mayer:
Der Zins bringt keine Erträge mehr, sondern fungiert eher wie eine Steuer. Neben den zahlreichen anderen Abgaben, die sich der Staat im Lauf der Zeit hat einfallen lassen, fällt diese „Steuer“ in Form eines Negativzinses an. Besteuert wird das an den Staat verliehene Ersparte. Davon profitieren auch andere Schuldner.

Volkswirte wenden ein: Der Zins muss aktuell negativ sein, weil das ökonomische Umfeld es erfordert.
Sie verweisen auf die Existenz eines „natürlichen“ Zinses, ein theoretisches Gebilde, das man nur durch das Prisma eines ökonomischen Modells sehen kann. Das gängige Modell ignoriert aber die Rolle von Banken und Zentralbanken bei der Geldschaffung durch Kredite und die Funktion des Kapitalmarkts bei der Bewertung von Vermögenspreisen. Das Prisma zeigt folglich ein Trugbild.

Bitte erklären Sie uns das etwas genauer.
Bleibt die Inflation aufgrund geringen Wachstums niedrig, dann zeigt das Modell einen Verfall des natürlichen Zinses an – und empfiehlt der Zentralbank, die Zinsen zu senken. Dass die Banken über Kreditvergabe neues Geld zur Finanzierung von Real- und Finanzinvestitionen schöpfen, Überinvestitionen finanzieren und es zu Vermögenspreisinflation kommen kann, bleibt außen vor. Ich habe gelernt, bei ökonomischen Modellen vorsichtig zu sein. Das gängige Modell hat weder die Finanzkrise noch deren Nachwirkungen kommen sehen. Warum sollte man ihm also noch glauben?

Wie definieren Sie das Wesen des Zinses?
Letztlich ist der Zins ein Preis für die verstreichende Zeit. Der Lohn dafür, dass man auf Konsum in der Gegenwart verzichtet, um künftig mehr konsumieren zu können. So war das zumindest früher einmal. Steht die Welt nun Kopf? Wohl kaum.

Welche Funktion hat der Zins?
Er gibt Orientierung. Wenn die Kosten für Konsumverzicht hoch sind, dann wird wenig gespart und Kapital gebildet. Ist er niedrig, ist es umgekehrt.

Und wenn der Zins negativ ist?
Ein Paradox. Der Zins ist, seinem Charakter nach, der Preis für Zeit. Er kann auf natürliche Weise nicht negativ werden, da Zeit für jeden einzelnen Menschen und die Menschheit insgesamt ein knappes Gut ist. Folglich ist mir in der Geschichte der Menschheit keine Epoche bekannt, an dem es schon einmal negative Zinsen gab. Allerdings zeigt die Geschichte, dass die Zinsen am Beginn einer neuen Epoche niedrig sind, weil man mit Zuversicht in die Zukunft blickt, und sie gegen Ende einer Epoche ansteigen, weil die Zukunftshoffnungen schwinden und man lieber im hier und jetzt lebt.

Wie ist es dann heute zu Negativzinsen gekommen?
Gute Frage. Nehmen wir einmal die Erfahrung meiner Generation. Bis Anfang der achtziger Jahre stiegen die Zinsen, in den USA bis 20 Prozent. In den folgenden Dekaden fielen sie dann immer weiter. Seit 2014 gibt es auf deutsche Staatsanleihen negative Zinsen. Die Lebensumstände haben sich aber nicht so fundamental geändert, dass dieser gewaltige Zinsbuckel damit erklärt werden könnte. Vielmehr dürfte dafür die von den Zentralbanken mit dem Zins gesteuerte Erzeugung unseres Kreditgelds verantwortlich sein.

Ein politisches, von Bürokraten gemachtes Phänomen…
…,das letztlich dem gesunden Menschenverstand widerspricht.

Welche Folgen hat diese Entwicklung?
Unsere selbst geschaffene Welt des „unnatürlichen“ Zinses erlebt zurzeit eine Scheinblüte. Es lohnt sich nicht mehr, zur Kapitalbildung für höheren Konsum in der Zukunft zu sparen. Die Möglichkeit zur Verschuldung scheint grenzenlos. Der Zins verliert seine Funktion als Mechanismus zur Verteilung knapper Spargelder auf rentierliche Projekte. Neues, von den Notenbanken und Kreditinstituten geschaffenes Geld folgt den temporären Moden der Geldanlage.

Aus Sicht eines Vermögenden klingen solche Analysen ein wenig beunruhigend.
Viele haben diese Unwucht sicher schon wahrgenommen, bewusst oder unbewusst. Denn der gesunde (ökonomische) Menschenverstand weiß: Nichts ist umsonst. Wenn die Scheinwelt einmal zersplittert, wird es darauf ankommen, langfristig werthaltige Anlagen zu besitzen.

Auch früher schon lag die Inflation zeitweise über dem Zins – also sind negative Realzinsen gar nicht so neu?
Wie schon gesagt: Bis 2014 gab es in Deutschland weder für den Sparer noch die Banken negative Zinsen. Zwar stieg in der Vergangenheit manchmal die Inflation über den nominalen Zins. Aber dies als negativen Realzins zu bezeichnen ist falsch. Denn der Realzins ist nicht als Nominalzins abzüglich der zeitgleich verzeichneten Inflationsrate, sondern als Nominalzins abzüglich der erwarteten Inflationsrate definiert. Manchmal wurden die Leute von der Inflation überrascht. Hätten sie diese gekannt, hätten sie einen höheren Nominalzins verlangt.

Das würde die EZB heute wohl verhindern.
Wir erleben eine Zeitenwende. In der alten Ordnung wussten die Menschen noch, dass Sparen zeitweiligen Verzicht auf Konsum bedeutet. Früher gingen die Menschen davon aus, dass sie ihre Konsumpläne nur dann in die Zukunft verschieben sollten, wenn es sich für sie lohnte.

Herr Mayer, wir danken für das Gespräch.

 

Professor Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute in Köln.

 

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