07.10.2019 - Flossbach von Storch

Ist der Dollar viel zu mächtig, Herr Mayer?


Die US-Währung wertet kräftig auf. Das birgt zahlreiche Gefahren. Thomas Mayer erklärt, welche Folgen unsere Abhängigkeit vom Dollar hat – und was den Euro stabiler machen könnte.

Herr Mayer, US-Präsident Donald Trump beschwert sich über die Stärke des Dollar – und fordert Zinssenkungen der Notenbank. Hat er Recht?

Thomas Mayer: Den größten Anteil an der Dollarstärke hat Donald Trump selbst. Mit seiner Unternehmenssteuerreform hat er die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Wirtschaft verbessert und die Nachfrage nach heimischen Gütern und Importen gestärkt. Die in der Folge anziehenden Zinsen wirken für Investoren attraktiv, zumindest im Vergleich zu den sehr niedrigen Zinsen in anderen Industrieländern. Das zieht Kapital an. Auf Grund der höheren Einfuhren und der Kapitalzuflüsse stieg der Wechselkurs des Dollar – obwohl Trump gleichzeitig viele Zölle erhöht hat.

Was bedeutet ein starker Dollar für die Weltwirtschaft?

Mindestens die Hälfte aller globalen Handelsgeschäfte wird in Dollar abgewickelt – obwohl der Anteil der Vereinigten Staaten an den Exporten aller Länder weniger als zehn Prozent ausmacht. Die Dominanz von Amerikas Währung im globalen Geld- und Finanzsystem hat zur Folge, dass die globale Nachfrage nach Dollar als Mittel zur Transaktion und Wertaufbewahrung gestiegen ist. Dadurch wurde der Dollar gegenüber anderen Währungen nicht nur höher bewertet, sondern die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Vereinigten Staaten hat auch einen größeren Einfluss auf alle anderen Länder bekommen.

Mit negativen Folgen?

Da waren beispielsweise die Schockreaktionen, denen viele Entwicklungsländer ausgesetzt waren, als die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) 2013 ankündigte, dass sie ihr Anleihekaufprogramm auslaufen lassen wollte. Einen ähnlichen Effekt gab es 2018, als die Fed die Schlagzahl ihrer Zinserhöhungen heraufsetzte. Wenn die eigene Währung abwertet, die Schulden aber in US-Dollar lauten, kann das für Staaten und Unternehmen unangenehm werden.

Wie abhängig ist Europa vom Dollar?

Sehr. Um das Verhältnis zu verstehen, hilft vielleicht eine Anekdote von Mark Carney, Gouverneur der Bank of England beim Treffen der Notenbank-Chefs in Jackson Hole. Er erinnerte daran, dass der US-Finanzminister John Connally gegenüber europäischen Kollegen im Jahre 1971 erklärt hatte, der Dollar sei „unsere Währung, aber Euer Problem“. Heute, so folgerte Carney, würde er dem Rest der Welt sagen können: „Jedes unserer Probleme ist Euer Problem.“

Bitte geben Sie uns ein Beispiel.

Nehmen Sie einmal die rapide steigende Staatsverschuldung in Amerika. Sie wird zu einem erheblichen Teil von ausländischen Kapitalgebern finanziert. Anlagen in der führenden Weltwährung sind beliebt, um das eigene Vermögen langfristig breiter und stabiler aufzustellen. Wie nachhaltig diese Schuldenpolitik tatsächlich ist, gerät dann schon mal in den Hintergrund. Würde Trump diese Zusammenhänge begreifen, müsste er die Dollarstärke als Meilenstein auf dem Weg zu „America First“ feiern.

Gibt es einen Ausweg?

Angesichts der Unberechenbarkeit und Widersprüchlichkeit der Politik von Donald Trump sind weniger die einzelnen Probleme der USA als eher der systematische Problemtransfer für den Rest der Welt das eigentliche Problem. Es wäre viel gewonnen, wenn die Dominanz des Dollars für globale Handels- und Finanzgeschäfte verringert werden könnte.

Zur Schwächung der amerikanischen Währungshegemonie müsste es aber eine Alternative geben. Könnte der chinesische Yuan den Dollar als globale Leitwährung ablösen?

Gegenwärtig bieten weder Yuan noch Euro ernsthafte Alternativen zum Dollar. Von japanischem Yen, britischem Pfund oder Schweizer Franken ganz zu schweigen. In China geht die Abschwächung der Wirtschaft mit einer zunehmend autokratischen und repressiven Staatsführung einher. In Europa bedrohen wachsende politische und ökonomische Zentrifugalkräfte den Fortbestand der Währungsunion.

Wie könnte der Euro zu einer Starkwährung werden, wie es die D-Mark einmal war?

Da helfen nur grundsätzliche Änderungen. Die Attraktivität unserer Währung könnte steigen, wenn seine Emission, von Banken und Staaten getrennt würde. Das wäre eine echte Währungsreform, der Euro könnte etwa zu einem digitalen Vollgeld werden.

Welche Vorteile hätte das?

Derzeit schaffen europäische Banken durch Kreditvergabe neues Geld. Das könnte so unterbunden werden. Zudem könnte der Euro dann nicht mehr von den Eurostaaten als Finanzierungsinstrument missbraucht werden. Durch die Schaffung eines digitalen Euro würde unsere Wirtschaft und das Finanzsystem stabiler. Die Abhängigkeit vom Dollar als dominantem globalem Mittel zur Transaktion und Wertaufbewahrung würde abnehmen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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