27.06.2019 - Philipp Vorndran & Thomas Lehr

Nicht zu lange warten


Auf steigende Zinsen warten? Den Handelskonflikt aussitzen? Das sollten sich Sparer gut überlegen. Ein Plädoyer fürs Investieren.

Die vielen schlechten Nachrichten sollten dabei niemanden verschrecken. Etwa der Handelskonflikt zwischen den USA und China, der doch nur das Symptom eines weitaus größeren Konfliktes ist. Hier geht es nicht um das Geschacher um ein paar Zölle, sondern um die Hegemonie unter den Weltmächten. China ist auf dem Weg, den USA die Führerschaft in Wirtschaft und Technologie streitig zu machen. Das will die USA verhindern – so lange wie möglich. Mit einem „Deal“ a la Trump dürfte dieser Konflikt kaum zu lösen sein. Das Thema dürfte uns daher noch lange beschäftigen. Hier geht es nicht um Jahre, sondern um Jahrzehnte. Und er könnte an Schärfe sogar noch zulegen. Dann ginge es vielleicht um Technologieboykotte, Investitionsschranken oder Reisebeschränkungen. Aber sollen wir deswegen unser Geld nicht mehr investieren?

Bei dieser Entscheidung hilft ein Blick auf die Fakten. Mit Blick auf den Aktienmarkt stellen wir uns vor allem drei Fragen. Was ist relevant? Was ist tatsächlich prognostizierbar? Und was ist bereits eingepreist? Mit Konjunkturprognosen halten wir uns zurück. Selbst Nobelpreisträger versagen regelmäßig beim Versuch, den genauen Zeitpunkt einer Rezession vorauszusagen. Klar ist: Der Handelskonflikt zeigt erste Spuren beim Wachstum, vor allem die Unsicherheit der Unternehmen steigt. Aber was bedeutet das für einen langfristigen, global diversifizierten Anleger? Ist eine konjunkturelle Abkühlung (deren Zeitpunkt sich nicht treffsicher prognostizieren lässt) für die Unternehmen, an denen ich beteiligt bin, in fünf Jahren tatsächlich relevant – oder erinnert sich 2024 vielleicht keiner mehr an die Ängste aus dem Jahr 2019, weil sich Gewinne und Geschäftsperspektive langfristig sehr positiv entwickelt haben?

Wenn wir über die Wahrscheinlichkeit einer Rezession sprechen, dann rückt vor allem Europa in den Fokus. Wenn China eine „Erkältung“ und die USA einen „Schnupfen“ haben, leidet Europa unter „Fieberschüben“. Aktuell steht Europa für handlungsunfähige oder populistische Politiker und Unternehmen, deren Wettbewerbsfähigkeit sinkt. Vor allem in Deutschland und Italien sinken die Wachstumsprognosen. Für viele einzelne Unternehmen ist das eine beunruhigende Situation. Für uns zählt aber die aggregierte Situation der globalen Weltwirtschaft – konsequent runtergebrochen auf die einzelnen Geschäftsmodelle, in die wir investiert sind. Da ist es eben nicht relevant, wenn in einzelnen Regionen der Welt die Wirtschaft schrumpft. Zumindest wenn man langfristig in global aufgestellte Unternehmen investiert, die entweder sehr wachstumsstark sind oder deren Geschäftsmodelle robust sind.

Aktien im Fokus

Für Aktien spricht, dass die Bewertung in den vergangenen 30 Jahren kaum gestiegen ist. Während Immobilien, Anleihen Kunstwerke, Uhren – und in was man sonst noch alles investieren kann – deutlich teurer geworden sind, liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis beispielsweise des US-Aktienindex S&P 500 noch auf dem Niveau der achtziger Jahre.

Zuletzt sind Aktien sogar noch günstiger geworden. Seit Anfang 2018 legte der S&P 500 etwa um 13 Prozent zu. Die Gewinne stiegen aber stärker als die Kurse. Mit Blick auf die Bewertungen der in den nächsten 12 Monaten erwarteten Gewinne ist der Index sogar 13 Prozent günstiger geworden. Ganz anders entwickelte sich übrigens der Dax. Hier entwickelten sich die Gewinne weitaus schlechter. Der Dax ist trotz niedrigerem Niveau genauso teuer geblieben, was übrigens auch für eine globale Streuung des Vermögens (auch nach Währungsräumen) spricht.

Die zu erwartende Gewinnrendite von Aktien liegt deutlich über den Kupons sicherer Anleihen. Eine Gewinnrendite von sechs Prozent bedeutet: Wer sich mit 10.000 Euro an den Unternehmen beteiligt und damit den Anspruch auf 600 Euro Gewinn pro Jahr erwirbt, der hat diesen Anspruch auch dann, wenn der Kurs einmal steigt oder fällt. Zumindest wenn die Gewinne über die Jahre (nur) stabil bleiben. Selbst wenn sich die Gewinne halbieren würden, läge die Gewinnrendite immer noch bei drei Prozent. Weit mehr als mit sicheren Anleihekupons drin wären und für langfristige Anleger eine gute Absicherung gegen die Kursverluste von morgen. Oder frei nach Warren Buffet: Gute Unternehmen werden über die Zeit Geld verdienen, davon profitiert auch der Aktienkurs. Für langfristige Anleger besteht das größte Risiko deshalb darin, nicht investiert zu sein.

Das gilt übrigens auch für Anleihen. Zumindest für flexible Anleger, die alle Ertragschancen dieser Anlageklasse nutzen. Wir können uns etwa vorstellen, dass die Zinsstrukturkurven auch in Deutschland flacher werden. Wie in den USA, Japan oder Großbritannien. Dann läge die Rendite bei zehnjährigen deutschen Bundesanleihen vielleicht bei Minus 0,5 Prozent. Bei einem Anleiheportfolio spräche dann einiges für eine lange Duration. Obwohl die meisten Investoren noch nicht soweit denken und mit Blick auf ihre vermeintliche „Risikoaversion“ eine kurze (oder sogar negative) Duration in den vergangenen Monaten bevorzugten. Wenn die Renditen am langen Ende sinken, steigen die Kurse bei langlaufenden Anleihen. Nicht umsonst haben wir in einigen unserer Fonds schon vor längerer Zeit in hundertjährige Anleihen investiert.

Nur sehr agile Anleger können mit Anleihen unseres Erachtens noch eine nennenswerte Rendite erzielen. Anleiheinvestoren müssen mittlerweile deutlich aktiver sein als Aktienanleger. Außerdem müssen sie kostengünstig investieren. Beide Punkte dürften private Kleinanleger vor vermeintlich unlösbare Probleme stellen.

Für Banken wäre eine noch flachere Zinskurve eine existentiell bedrohliche Nachricht. Ihr Brot und Butter-Geschäft, die Zinsmarge, bräche vollends weg. Auch das spricht eher für sinkende Zinsen in der Eurozone, denn eine veritable Bankenkrise möchte die EZB in jedem Falle verhindern. Auch dieses Beispiel zeigt: Vergessen Sie die Zinswende. Denken Sie lieber an das Zinsende – mit allen möglichen Konsequenzen.

 

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