27.02.2020 - Flossbach von Storch

„Ökologie braucht Ökonomie“


„Ökologie braucht Ökonomie“

Die Zeit des rasanten Wachstums scheint vorbei. Im Interview erklärt Bert Flossbach, wie „nachhaltig“ Wachstum eigentlich ist – und was die Antwort darauf für Anleger bedeuten könnte.


Was zeichnet denn Unternehmen aus, die interessant für Sie sind?
Bert Flossbach:
Wichtig ist, dass ein Unternehmen über einen klaren Wettbewerbsvorteil verfügt, der sich in entsprechend hohen Ertragsmargen niederschlägt. Dieser Vorteil muss nachhaltig sein, will heißen, das Unternehmen muss über einen Schutzwall verfügen, der es gegen Wettbewerber schützt. Wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, müssen natürlich auch die Auswirkungen auf das Geschäftsmodell, den Wettbewerbsvorteil und den Schutzwall überprüft werden.

Was könnte denn die Rahmenbedingungen im Einzelfall verändern?
Da gibt es verschiedene Beispiele. Nehmen Sie die Energiewende und ihre Folgen für die Versorger. Oder nach vorne schauend: die Klimadebatte, die zu einem Wandel der Kundennachfrage oder der Produktionskosten bei Unternehmen aus verschiedenen Branchen führen könnte. Nachhaltige Profitabilität schließt also auch ökologische oder soziale Nachhaltigkeit ein, denn wenn ein Unternehmen in diesen Bereichen zurückfällt, dürfte das seine Wettbewerbsposition schwächen und die Profitabilität leiden. 

Welche Branchen könnte es denn treffen?
Kohleproduzenten und Ölförderer könnten beispielsweise betroffen sein.

Wer sind die Gewinner der Klimadiskussion?
Unternehmen, deren Produkte dazu beitragen, Energie effizienter zu nutzen, und dadurch ihren Kunden helfen, CO2-Ziele zu erfüllen. Oder Kosten zu reduzieren. Konsumgüterhersteller beispielsweise, die mit alternativen Angeboten den Fleischkonsum reduzieren und ihre Recyclingquoten erhöhen. Auf diese Weise erschließen sie sich neue Absatzmöglichkeiten und verbessern ihr Image. Wir haben diese Themen in Gesprächen mit dem Management von Unternehmen, an denen wir beteiligt sind, immer wieder adressiert. Einige sinnvolle Maßnahmen sind daraufhin auch umgesetzt worden.

Dabei gelten Sie als großer ESG-Kritiker ...
Wir haben das Thema von Anfang an akribisch analysiert und konstruktivkritisch begleitet. Das ist etwas völlig anderes. Aus diesem Grund haben wir auch die UN unterstützten Principles for Responsible Investment (PRI) unterzeichnet – wir wollen uns sinnvoll einbringen in die Diskussion. Nicht mehr und nicht weniger.

Was stört Sie denn am meisten?
Dass so getan wird, als ließe sich das Thema Nachhaltigkeit ganz einfach abhandeln beziehungsweise umsetzen, gerade auch von der Finanzindustrie. Da müssen wir schon selbstkritisch sein. Allein schon der Begriff Nachhaltigkeit. Es gibt keine einheitliche Definition. Im Grunde lässt sich alles in diesen Begriff hineininterpretieren – und bei Bedarf auch wieder heraus. Es gibt keine Instanz, die allgemeingültig und damit verbindlich sagen kann, was nachhaltig ist und was nicht.

Genau dafür sind doch die Ratingagenturen da ...
Wie wollen Sie denn Tausende Unternehmen anhand Hunderter – mehr oder weniger – schwammiger Kriterien bewerten? Am Ende dieses intransparenten Prozesses steht dann ein leicht verständlicher „Score“ oder eine Schulnote, deren Herleitung niemand nachvollziehen kann – und im Übrigen auch nicht soll. Hauptsache, das Rating stimmt! Die Analogie zur Finanzkrise ist offenkundig.

Demnach spielen die Ratings für Sie keine Rolle?
Es spricht nichts dagegen, ESG-Analysen zu lesen. Sie machen uns vielleicht auf den ein oder anderen kritischen Punkt aufmerksam, mehr aber nicht. Sie ersetzen niemals die eigene Analyse. Ihr Standard-Fragen-Katalog vermag die Beschaffenheit eines Unternehmens nur selten angemessen zu erfassen. Oft fällen die ESG-Analysten ihr Urteil, ohne das Unternehmen jemals kontaktiert, geschweige denn es von innen gesehen zu haben. Deshalb ist der Hinweis der Ratingagenturen, dass die Analysen nur als unverbindliche Zusatzinformationen zu verstehen seien, sehr ernst zu nehmen.

Inwiefern?
Ohne eigene Analyse geht es nicht, ganz einfach. Wir integrieren Nachhaltigkeitskriterien in unseren Analyseprozess, statt sie in eine Stabsstelle, also ein ESG-Office oder was auch immer, auszulagern, denn dazu ist das Thema schlicht zu wichtig. Für uns ist Nachhaltigkeit kein Marketing- oder Vertriebsgag, sondern elementarer Bestandteil unserer Anlagephilosophie, Teil der Unternehmens-DNA, wenn man so will. Das Thema ist uns also nicht neu, sondern begleitet uns seit Unternehmensgründung. Neu ist allein die Beachtung, die dem Thema heute zuteilwird.

Worauf liegt denn Ihr Fokus bei der Analyse?
Auf dem G aus ESG. Leider wird Corporate Governance, die gute Unternehmensführung, völlig unterschätzt. Weil der Faktor weniger griffig ist als der CO2-Ausstoß beispielsweise und weniger bedrohlich klingt als der Klimawandel. In der öffentlichen Diskussion geht es stattdessen fast ausschließlich um das E für Environmental, also die Umwelt.

Dann sagen Sie uns doch bitte, warum das G so wichtig ist aus Ihrer Sicht ...
Gute Unternehmensführung bringt die Interessen von Managern mit denen der Stakeholder, insbesondere der Eigentümer, der Aktionäre, in Einklang. Manager sollten nicht nur über Fachkompetenz verfügen, sondern auch über ein hohes Maß an Integrität. Sie müssen denken und handeln wie Eigentümer: langfristig. Andersherum: Es darf ihnen nicht darum gehen, persönliche Interessen zu optimieren.

Aber was hat das mit Nachhaltigkeit zu tun?
Wenn ein Unternehmen gut geführt ist, hilft das nicht nur den Aktionären, sondern auch Umwelt und Gesellschaft. Dieser Zusammenhang erschließt sich aber nur selten auf den ersten Blick, weil eine gute Corporate Governance eben nicht so einfach messbar ist wie der CO2-„Fußabdruck“ eines Unternehmens.

Geht es vielleicht etwas konkreter – wo ist die Verbindung beispielsweise zum „S“, zum Sozialen?
Soziale Verantwortung und gute Arbeitsbedingungen wirken sich beispielsweise positiv auf das Image eines Unternehmens aus und helfen, begehrte Fachkräfte an Bord zu holen. Das wiederum trägt langfristig zum Erfolg des Unternehmens bei. Grundvoraussetzung dafür ist aber, dass das Geschäftsmodell nachhaltig ist, also wirtschaftlich erfolgreich. Das gilt im Übrigen nicht nur in Verbindung mit dem S, sondern auch mit dem E. Investments nur deshalb zu tätigen, weil man damit etwas für die Umwelt tun möchte, hat in der Vergangenheit häufig zum Totalverlust geführt.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Nehmen Sie die vielen Solar- und Windenergiefirmen. Letztlich kann ein Unternehmen ja auch nur dann Positives für Umwelt und Gesellschaft leisten, wenn es profitabel wirtschaftet und genügend Geld für Forschung & Entwicklung hat – für Investitionen in die Zukunft. Ökologie und Ökonomie sind kein Widerspruch. Sie bedingen und brauchen einander. Ohne Ökonomie keine Ökologie. Statt diesen vermeintlichen Widerspruch aufzulösen, wird immer häufiger und offenbar viel lieber darüber philosophiert, warum Wirtschaftswachstum eher schadet als nutzt.

Ist das so abwegig? Was wäre denn, wenn wir den Wunsch nach ewigem Wachstum aufgäben?
Schrumpft die Wirtschaft, führt das zu Arbeitslosigkeit. Die Steuereinnahmen implodieren, und die sozialen Sicherungssysteme kollabieren – nicht zuletzt wegen des demografischen Wandels. Massenarbeitslosigkeit, Armut und harte gesellschaftliche Konflikte wären die Folgen. Auch das Klima würde leiden, denn wer würde schon Geld für den Klimaschutz ausgeben, wenn er um das Existenzminimum kämpfen muss?

Aber wie lassen sich dann Wirtschaft und Umwelt langfristig miteinander versöhnen?
Die Politik müsste den Mut haben, durch kluge Anreizsysteme klimaschonendes Wirtschaften und Konsumieren zu fördern und im Umkehrschluss die Belastung der Umwelt zu bestrafen. Ökonomen sprechen von der Internalisierung externer Kosten. Die Inanspruchnahme von Ressourcen wird bepreist, und der Geldbeutel diktiert, was wohlmeinende Botschaften nicht vermögen. Das gilt für Unternehmen und Privathaushalte gleichermaßen. Natürlich auch für den Staat – wobei es in seinem Fall der Geldbeutel der anderen ist.

Geben Sie bitte ein konkretes Beispiel.
Eine höhere CO2-Bepreisung etwa, vor allem, wenn sie in der gesamten EU eingeführt würde. Sie ist zielführender als eine Verbotspolitik, da sie Innovationen und die Entwicklung neuer Technologien anstößt, ohne die Bürger zu bevormunden. Sie könnte sogar zu einem grünen Wirtschaftswunder beitragen, einer Art „Green New Deal“, wenn man es richtig angeht und die Tatkraft von Wissenschaftlern, Unternehmern und Ingenieuren in die richtigen Bahnen lenkt.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das ganze Interview können Sie im Magazin Position lesen, das Sie kostenfrei abonnieren können.

 

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