16.04.2020 - Bert Flossbach

Wie ein wirtschaftliches Comeback gelingen kann


Wie ein wirtschaftliches Comeback gelingen kann

Der ökonomische Schaden der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus ist gigantisch. Dabei müssen Wirtschaft und Gesundheit auf Sicht keine Gegensätze sein.

Eines vorneweg: Jede Prognose, wann die Welt das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 „besiegt“ haben wird, ist mit großen Unsicherheiten verbunden. Es besteht immer die Gefahr erneuter Ausbrüche. Erst die Verfügbarkeit eines Impfstoffs würde den Menschen die Angst vor einer erneuten Infektionswelle nehmen - und damit eine Vertrauensbasis schaffen, die für einen optimistischen Blick in die Zukunft unerlässlich ist.

Bis dahin kann es aber noch sehr lange dauern. Die Restriktionen müssen daher bereits vorher schrittweise gelockert werden, weil der wirtschaftliche und gesellschaftliche Schaden sonst irreparabel wird. Jede zerstörte Existenz bedeutet ein schlimmes Einzelschicksal.

Existenzängste von Unternehmern

Es ist deshalb verständlich, dass viele Menschen, vor allem Soloselbständige und Kleinunternehmer, sich zunehmend mehr Sorgen um ihre Existenz als um die Folgen einer Viruserkrankung machen. Wirtschaft und Gesundheit sind eben keine Gegensätze, sondern bedingen einander. Ohne Gesundheit keine gesunde Wirtschaft und ohne gesunde Wirtschaft keine Gesundheit. Die Wirtschaft ist kein abstraktes Gebilde, das symbolhaft in Form eines Fabrikgebäudes dargestellt werden sollte, sondern die Summe aller Menschen und ihrer Aktivitäten. Wer also den Zusammenbruch des Gesundheitssystems verhindern möchte, darf nicht den Zusammenbruch der Wirtschaft riskieren.

Lockdown: Wirtschaftliche Folgen…

Das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands betrug im vergangenen Jahr rund 3.440 Milliarden Euro, entsprach also einer Wertschöpfung von knapp zehn Milliarden Euro pro Tag. Wenn 50 Prozent der Wirtschaftsleistung entfallen, weil Tätigkeiten verboten und Lieferketten unterbrochen werden, kostet dies nicht nur fünf Milliarden Euro pro Tag oder knapp 150 Milliarden Euro pro Monat, sondern gefährdet auch die Produktion lebensnotwendiger Güter und Dienstleistungen sowie die dazugehörige Logistik (inkl. Ersatzteile, Reparaturen etc .) und damit die Versorgung der gesamten Bevölkerung.

… und gesundheitliche Folgen

Hinzu kommen gesundheitliche Folgen, weil wichtige Operationen nicht durchgeführt werden können oder Menschen an den Folgen des Shutdowns erkranken. Isolation, Existenzvernichtung oder die Angst davor führen zu Depressionen, Suiziden oder häuslicher Gewalt. Aus gesundheitsökonomischen Studien weiß man, dass große Rezessionen die Lebenserwartung reduzieren. Gerade für junge Menschen können Wirtschaftskrisen zu einer Verschlechterung ihrer Zukunftsperspektiven und einer geringeren Lebenszufriedenheit führen.

Schwierige Entscheidungen

Die verantwortlichen Politiker sind nicht zu beneiden. Sie wandeln bei der Abwägung der zu treffenden Maßnahmen auf einem schmalen Grat. Auf der einen Seite gilt es, die Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden, auf der anderen Seite, die mittelbaren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden zu begrenzen.

Hinzu kommt, dass die Nebenwirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft exponentiell zunehmen. Die ersten Wochen lassen sich noch leicht überstehen. Am Anfang erwischt es nur wenige Unternehmen, oft solche, die ohnehin schon in Schwierigkeiten steckten. Mit zunehmenden Umsatzausfällen bei gleichzeitig weiterlaufenden Kosten nimmt die Zahl aber rasch zu und vernichtet auch gesunde Existenzen. Dann beginnen Lieferketten zu reißen, es kommt zu Versorgungsengpässen und Hamsterkäufen, die sich nicht mehr nur auf Klopapier, Nudeln und Mehl beschränken.

Maßnahmen bei einer linearen Virus-Verbreitung

Die Regierungen müssen daher wohl mit Lockerungsmaßnahmen beginnen, sobald die Reproduktionsrate des Virus in der Nähe von eins liegt und sich die exponentielle zu einer linearen Ausbreitung wandelt. Der Unterschied ist schon nach einigen Wochen gigantisch. Wenn beispielsweise in Deutschland täglich 5.000 positiv getestete Neuinfizierte hinzukämen, wären dies bis Anfang Juni 300.000 neue Fälle. Mit diesem linearen Verlauf hätte das Gesundheitssystem kein Problem. Selbst wenn zehn Prozent davon für durchschnittlich zehn Tage ins Krankenhaus müssten, würden von diesen Patienten im Durchschnitt nur 5.000 Betten belegt.

Und bei einem exponentiellen Verlauf?

Ganz anders sieht es im Fall eines exponentiellen Verlaufs aus. Bei einem täglichen Zuwachs von fünf Prozent stiege die Summe der insgesamt Infizierten im gleichen Zeitraum auf fast 1,9 Millionen. Wenn von den aktiven Fällen zehn Prozent für durchschnittlich zehn Tage stationär behandelt werden müssten, lägen bereits Anfang Juni gleichzeitig 70.000 Menschen im Krankenhaus, davon rund 20.000 auf der Intensivstation und das Gesundheitssystem käme an seine Grenzen.

Eine Öffnung kann nur in Schritten gelingen

Eine sinkende Wachstumsrate der Neuinfektionen lässt es aber wahrscheinlich erscheinen, dass die Regierung schon bald mit Lockerungen beginnen kann. Mit einer als „Hammer and Dance“ bezeichneten Methode kann die Politik schrittweise Lockerungen durchführen und gegebenenfalls wieder zurücknehmen.

Dieses auch von der deutschen Bundesregierung durchgespielte Szenario ist die einzige Möglichkeit, das Leben wieder ans Laufen zu bringen, bevor es zu einer Kernschmelze der Wirtschaft und anarchischen Auswüchsen in der Gesellschaft kommt. An diesem Punkt könnten epidemiologische Überlegungen in den Hintergrund treten, weil der Schaden für die Menschen und die Gesellschaft nicht mehr zu vertreten wäre.

Flankierende Hilfsprogramme

Flankierend müssen umfassende Hilfsprogramme initiiert werden, die weit über die bisher verabschiedeten Maßnahmen hinausgehen. Die Bundesregierung hat pragmatisch reagiert und einen Nachtragshaushalt über 122,5 Milliarden Euro beschlossen, der Kleinstunternehmern direkte Zuwendungen gewährt, größeren Unternehmen Kreditlinien bereitstellt und das in Deutschland bereits in der Finanzkrise erfolgreich angewandte Mittel der Kurzarbeit betont. Die an sich sinnvolle Haftungsbeteiligung von Banken (zehn Prozent) erwies sich unterdessen als Bremsklotz bei der Kreditvergabe. Hinzu kommt, dass sich viele kleinere Unternehmen gar keine zusätzlichen Kredite leisten können, weil sie nicht wissen, wie sie das Geld zurückzahlen sollen.

Solounternehmer berichten über zu viel Bürokratie bei der Beantragung der Hilfen. Auch hier sollte noch nachjustiert werden. Deshalb sind weitere Aufstockungen der Hilfsprogramme zu erwarten. Am Ende dürften die Kosten wohl eher bei 300 bis 400 Milliarden Euro liegen – aber die Maßnahmen sind angesichts des Ausmaßes der Krise wohl alternativlos.

 

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