19.11.2020 - Sven Langenhan

Zinsen - der kleine Unterschied


Zinsen - der kleine Unterschied

Die Corona-Krise bescherte auch den USA wieder Leitzinsen nahe der Null-Prozent-Linie. Doch gibt es einen wichtigen Unterschied bei der Entwicklung der Anleihemärkte im Euroraum und in den USA.

Zinsen? Gibt es – nicht nur in Deutschland – schon länger nicht mehr. Bereits vor mehr als zwanzig Jahren hat die Bank of Japan (BoJ) als erste Notenbank der Welt Nullzinsen eingeführt. Inzwischen sind dort sogar die Leitzinsen negativ. Auch in der Eurozone haben sich Null- und Minuszinsen in den vergangenen Jahren fest etabliert. Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hatte im Zuge der Finanzkrise die Leitzinsen ebenfalls auf null Prozent gesenkt, danach die Zinsen aber wieder angehoben. Nach dem Ausbruch der Corona-Krise fielen sie dann wieder auf eine Bandbreite von 0,00 bis 0,25 Prozent.

Obwohl sich die Vorgaben der Leitzinsen in den Industrieländern gleichen, gibt es an den Anleihemärkten aktuell einen wichtigen Unterschied. Besonders deutlich wird dieser bei einem Blick auf die Verzinsung von Anleihen mit unterschiedlich langen (Rest-)Laufzeiten in den USA und beispielsweise in Deutschland.

Mit der Markterholung ab dem Ende des zweiten Quartals fielen zwar sowohl im Euroraum als auch in den USA die zuvor stark gestiegenen Risikoprämien (Credit Spreads) bei Unternehmensanleihen nahezu aller Bonitäten. Während im Euroraum im dritten Quartal die Renditen langlaufender Staatsanleihen sowie Anleihen von Emittenten mit guter Bonität tendenziell weiter fielen, stieg in den USA die Verzinsung von solchen Papieren seit Anfang August wieder an. So rentieren 30-jährige US-Staatsanleihen derzeit mit 1,64 Prozent deutlich höher als zweijährige Papiere, die bei 0,16 Prozent liegen, während deutsche Bundesanleihen über alle Laufzeiten durchwegs negative Renditen liefern (Stand: November 2020).

Anders formuliert: Die Zinsstrukturkurve , welche die Renditen für Anleihen mit verschiedenen (Rest-)Laufzeiten zeigt, wurde in den USA wieder steiler. Eine ähnliche Entwicklung war seit April auch für 30-jährige japanische Anleihen zu beobachten. Einzig im Euroraum blieb die Zinsstrukturkurve flach.

Zuletzt deutlich weniger Anleihekäufe der US-Notenbank

Was steckt dahinter? Grundsätzlich beeinflussen die Notenbanken mit ihrer Geld- oder Zinspolitik vor allem die Renditen für Anleihen mit kurzen (Rest-)Laufzeiten. Bei diesen Papieren sind die Zinsen sowohl im Euroraum als auch in den USA tief. Die langfristigen Konditionen spiegeln hingegen die Erwartungen der Marktteilnehmer an die künftige Wirtschafts- und Inflationsentwicklung.

Ein Grund für die Renditeunterschiede zwischen langen und kurzen Laufzeiten in den USA liegt wohl darin, dass die Fed den Markt (noch) etwas freier agieren lässt als die Europäische Zentralbank (EZB). Während die alten und die neuen Kaufprogramme der EZB auch im dritten Quartal weiterliefen und sich die Notenbankbilanzsumme weiter vergrößert hat, stagnierten diese bei der Fed nach einem rasanten Anstieg von März bis Mai. Die amerikanische Notenbank verlässt sich bis dato also offenbar wieder auf die Wirkung der natürlichen Marktkräfte und auf verbale Ankündigungen.

Aktives Management bei Anleihen wichtig

Für Anleiheportfolios können unterschiedliche Renditen bei den Laufzeiten wichtige Ertragsbringer sein. Wir beobachten daher die Entwicklungen sehr genau. Die Steilheit der US-Zinsstrukturkurve erreicht am sogenannten langen Ende inzwischen wieder ein Niveau mehrjähriger Höchststände, während sich beispielsweise bei deutschen Bundesanleihen bisher nur unwesentliche Veränderungen gezeigt haben. Wie lange also wird sich der europäische Zinsmarkt dem internationalen Kontext entziehen können? Oder führen andererseits möglicherweise sinkende Inflationserwartungen außerhalb Europas zu sinkenden Zinsen, etwa in den USA?

Wieder einmal heißt es für uns, genau zu beobachten, wie sich Chance-Risiko-Profile entwickeln. Wie immer es am Ende ausgehen mag, bleibt in dieser Nullzinssituation „Alpha“ gefragt. Das bedeutet: Flexibel bleiben und je nach Marktlage aktiv Opportunitäten nutzen, um auf den Anleihemärkten noch auskömmliche Erträge zu erwirtschaften. Denn die klassische Strategie von Privatanlegern, Anleihen zu kaufen, bis zum Ende der Laufzeit zu halten und den Kupon zu kassieren, geht schon lange nicht mehr auf.

 

Zur Person: Sven Langenhan ist Portfolio Director Fixed Income bei Flossbach von Storch.

 

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