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DAX-Konzerne gehen ins Ausland – folgt jetzt der Mittelstand?

- Prof. Dr. Thomas Mayer

Seit dem Jahr 2022 stagniert die deutsche Wirtschaft. Pro Kopf ist das Bruttoinlandsprodukt sogar um rund zwei Prozent gefallen.

Seit dem Jahr 2022 stagniert die deutsche Wirtschaft. Pro Kopf ist das Bruttoinlandsprodukt sogar um rund zwei Prozent gefallen. Die Stimmung bei den Unternehmen und Verbrauchern ist schlecht. Es ist, als ob Deutschland auf dünnem Eis über einem tiefen See stillsteht. Noch ist das Eis nicht gebrochen, aber es wird mit jedem Monat, in dem wieder nichts geschieht, weniger tragfähig.

Wenn der Bruch kommt, verschwindet der Wohlstand in der Tiefe des Sees. Jedem ist klar, dass die Ursache der Misere eine schwere Strukturkrise ist. Zu ihrer Überwindung wären umfangreiche Reformen, ja ein regelrechter „Neustart“, nötig. Aber die schwarz-rote Regierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz erweist sich als dazu unfähig.

Vor diesem Hintergrund scheint es verwunderlich, dass sich der deutsche Aktienmarkt guter Gesundheit erfreut. Seit 2022 ist der DAX-Preisindex um gut ein Viertel gestiegen. Wie kann das sein? Die Antwort darauf liegt in dem Umstand, dass die Dax-Unternehmen zwar an der Deutschen Börse gelistet und ihre Namen meist eng mit Deutschland verbunden sind, sie selbst aber mit Deutschland nicht mehr allzu viel zu tun haben.

Über achtzig Prozent ihrer Umsätze stammen aus dem Ausland und sechzig bis siebzig Prozent ihrer Wertschöpfung findet außerhalb Deutschlands statt. Die Dax-Unternehmen sind längst auf dem Weg ins Ausland – und der deutsche Mittelstand ist dabei, ihnen zu folgen.

Im Ausland geht es ihnen besser. Seit 2022 ist der US-amerikanische S&P 500-Aktienpreisindex um über siebzig Prozent gestiegen. Nicht einmal die volatile und teilweise selbstzerstörerische Politik von US-Präsident Donald Trump konnte den US-Unternehmen viel anhaben. Seit dessen Amtsantritt hat der S&P500 beinahe zwanzig Prozent dazugewonnen.

Für eine gewisse Zeit lag die Performance des Dax vor derjenigen des S&P500, weil manche Anleger wegen Trump ihr US-Risiko verringern wollten. Doch seit Beginn des Irankriegs ist der Unterschied wieder verschwunden, da es schnell klar wurde, dass Europa stärker davon betroffen wird.

Angesichts der schlechten Presse der Regierung und der niedrigen Zustimmungswerte von Donald Trump ist die Robustheit des US-amerikanischen Aktienmarkts auf den ersten Blick verwunderlich. Doch am Aktienmarkt zählen nicht die Eskapaden des US-Präsidenten, sondern die Gewinne der Unternehmen.

Und diese sind trotz Trump gut gewachsen. Von Trumps Steuersenkungen profitieren sie dieses Jahr sogar, während seine Neigung, auf die Signale der Finanzmärkte zu achten, die Risiken verringern. „Trump Always Chickens Out“ (Trump kneift immer) – in der Abkürzung zu TACO verdichtet – ist zu einer Konstanten in der Rechnung der Anleger geworden.

Der Ökonom Albert O. Hirschman, der von den Nazis in die USA floh, hat für widrige politische Umstände zwei Handlungsalternativen definiert: Widerspruch oder Abwanderung. Die deutsche Wirtschaft und die unternehmungslustigen jungen Fachkräfte haben sich für Abwanderung entschieden. Viele, die das nicht können, bringen ihren Widerspruch dadurch zum Ausdruck, dass sie AfD wählen.

Wer das eine nicht kann und das andere nicht will, kann immerhin seine Ersparnisse im Ausland anlegen. Doch bleibt er dem Zugriff des deutschen Staats ausgesetzt. Je schlechter es dem Land geht, je weniger Zuwächse verteilt werden können, desto stärker ist der Neid. Dies drückt sich im Erstarken der Linkspartei und dem Ruf der SPD nach mehr Umverteilung aus. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Politik so blockiert ist, dass nicht einmal daraus etwas wird.

Der Text entstammt der regelmäßig erscheinen Kolumne von Thomas Mayer in der Wochenzeitung Welt am Sonntag.


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