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Gesellschaft
5 Minuten

Fehler im System

- Philipp Vorndran

Die Deutschen werden immer älter. Zu wenige Junge kommen nach. Für ein umlagefinanziertes Rentensystem ist das ein Problem.

Sorgenfrei den Ruhestand genießen – den meisten Rentnerinnen und Rentnern heute ist das in Deutschland vergönnt. Genauso hat es der sogenannte Generationenvertrag vorgesehen – ein Vertrag, der zwar niemals ratifiziert wurde, aber doch zum unverrückbaren Wertekonstrukt der Nachkriegspolitik hierzulande gehört.

1957 wurde das bis dahin kapitalgedeckte Rentensystem durch ein umlagefinanziertes System ersetzt. Die Erwerbstätigen, die Jungen, zahlen seither für die Renten der Alten in die gesetzliche Rentenkasse ein – und hoffen, dass ihre Kinder es ihnen später gleichtun werden. Eine Abmachung zwischen den Generationen. So sollte es auf ewig sein. Ähnlich funktioniert das Rentensystem in anderen Eurostaaten, in Spanien beispielsweise.

Alterung – die schleichende Bedrohung unseres Wohlstands

Das Problem ist, dass Gesellschaften sich verändern. Dass heute weniger Kinder geboren werden als in den 1950er-Jahren und die Menschen deutlich älter werden. Dass es im Ergebnis in den Industriestaaten heute in Relation viel mehr Alte gibt als früher und weniger Junge, also mehr Rentenempfänger und weniger -zahler. 

Der sogenannte Altenquotient misst das Kräfteverhältnis zwischen beiden Gruppen und damit nicht zuletzt die Robustheit des umlagefinanzierten Rentensystems. 1950 betrug der Quotient nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit 16; das heißt, auf 100 Personen im Erwerbsalter kamen 16 Personen im Rentenalter. 

Heute liegt der Altenquotient schon bei 37, also mehr als doppelt so hoch. Noch dramatischer sehen die Zahlen bei einer Projektion für das Jahr 2060 aus: Deutschland kommt auf einen Altenquotient von etwa 60, Spanien sogar auf knapp 80. 

Von Robustheit kann also keine Rede mehr sein, wenn es um das System der Umlage geht. Selbst die sonst eher zurückhaltenden Vertreter der Deutschen Bundesbank mahnen seit Jahren vor den sich zuspitzenden Problemen bei der gesetzlichen Rente. Ohne substanzielle Anpassung, etwa beim Renteneintrittsalter, werde das umlagenfinanzierte System eher früher als später an seine Grenzen stoßen. 

Wie hoch sind die Bundeszuschüsse zur Rentenkasse?

Wie groß der Druck schon heute ist, zeigen die Zuschüsse aus Bundesmitteln, die Jahr für Jahr in die Rentenkasse fließen – und Jahr für Jahr steigen. Für 2026 sind 127,8 Milliarden Euro veranschlagt, die aus Steuermitteln überwiesen werden sollen! Das entspricht einem Viertel des Bundeshaushaltes.

Zum Härtetest dürfte es in den nächsten Jahren kommen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, die sogenannten „Babyboomer“. In Deutschland sind das die Jahrgänge von 1955 bis 1969. Ohne grundlegende Reform des Rentensystems droht dessen Kollaps. 

Das Thema ist nicht neu, das Misstrauen der Versicherten auch nicht. Schon 1986 sah sich Norbert Blüm, damals Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, im Wahlkampf genötigt, öffentlichkeitswirksam darauf hinzuweisen, dass die Renten sicher seien.

Kapitalrente: Durchbruch für die Altersvorsorge oder teurer Kompromiss ohne große Wirkung?

Seither haben die jeweiligen Regierungen verschiedene Reformen, besser: „Reförmchen“, auf den Weg gebracht. So wurden 1992 und 2006 beispielweise die Altersgrenzen heraufgesetzt und das Rentenniveau gesenkt. Es wurde herumgedoktert. Ein bisschen hier, ein bisschen dort. Auch die aktuellen Empfehlungen der Alterssicherungskommission sind zwar vorsichtige Schritte in die richtige Richtung, aber noch keine großen Reformvorschläge.

Das grundlegende Problem, die dem Umlagesystem innewohnende Schwäche, ist damit allerdings kaum zu beheben. Der demografische Wandel arbeitet langsam, dafür unerbittlich.  

Hinzu kommt, dass die Rentenkasse zu einem Selbstbedienungsladen verkommen ist. Je nach Zusammensetzung der Regierung wurden in den vergangenen Jahrzehnten großzügige Geschenke verteilt – an unterschiedliche Wählerklientel, ohne dass den Auszahlungen adäquate Beitragszahlungen gegenüberstünden.

Die Mütterrente ist so ein Beispiel, bei Weitem aber nicht das einzige. Als wäre der demografische Wandel nicht schon genug Last für das System, wurde der Rententopf immer wieder angezapft. Für die wohlmeinenden Geschenke an die eigenen Wählergruppen müssen am Ende auch die Jungen geradestehen.

Die Bundesbank schätzt, dass der Beitragssatz bis zum Jahr 2070 ohne grundlegende Reform von derzeit 18,6 auf stolze 31 Prozent steigen dürfte. Das sind keine erbaulichen Aussichten für die Beitragszahler von heute und morgen. 

Denn anders als ihre Eltern das tun, werden sich nur wenige von ihnen vor dem 69. Lebensjahr in den Ruhestand verabschieden können. Die Flusskreuzfahrt muss also warten. Vermutlich wird sie ganz ausfallen – weil keine Zeit und nicht genug Geld da sind.

Welche Länder bessere Rentensysteme haben

Dass die Rente sicher ist, so wie von Wahlkämpfer Blüm, der leider verstorben ist, einst versprochen, glaubt heute niemand mehr. So, wie wir ihn kennengelernt haben, würde er derlei Wahlslogans heute gewiss nicht mehr plakatieren, sondern sich energisch für die Belange künftiger Generationen einsetzen.

Mehr denn je braucht es deshalb eine ehrliche, gleichermaßen schonungslose Debatte über die Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rentenversicherung – und was zu tun ist. Dabei lohnt nicht zuletzt der Blick zu unseren europäischen Nachbarn. Den Schweizern oder den Niederländern zum Beispiel. Die machen es deutlich besser.

Eines jedenfalls ist gewiss: Millionen Menschen in Altersarmut hält keine Gesellschaft auf Dauer aus.

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Der falsche Held

Haben Sie den „Helden“ auf dem Cover dieser Ausgabe erkannt? Nicht? Machen wir es kurz: Pac-Man soll es sein, Held aus dem Hause Namco und damit der Welt der Videospiele in den frühen 1980er-Jahren. Wobei er in unserem Falle eher als tragischer Held taugt, denn seine Silhouette ähnelt der einer Kuchengrafik, die wir auf Seite 24 abgedruckt haben. Sie zeigt, woraus sich in Deutschland die Rente der Ruheständler heute im Wesentlichen speist – aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Für eine alternde Gesellschaft wie der unsrigen bedeutet das in Zukunft gewiss nichts Gutes ...


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