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Multi Asset
12 Minuten

Nicht alles auf eine Karte

- Stephan Fritz

Ein Vermögen breit aufstellen – was nach Finanzphrase klingt, ist in Zeiten wie diesen wichtiger denn je. Und nicht nur in diesen. Ein Erklärungsversuch.

Monatelang hat es an der Börse nur ein Thema gegeben: Künstliche Intelligenz, kurz KI. Die Aktienkurse der vermeintlichen Profiteure, insbesondere die der großen US-Techkonzerne, sind von einem Hoch zum nächsten geklettert – und haben die Indizes mit nach oben gezogen.

Selten zuvor ist das Gewicht einer Branche so groß gewesen, noch dazu das so weniger Unternehmen aus dieser einen Branche. Wohl denen, die frühzeitig auf den KI-Zug aufgesprungen waren und sich seither über üppige Gewinne freuen können. „Konzentration“ hat sich definitiv ausgezahlt!

All jene, die vorsichtiger waren, aus welchen Gründen auch immer, haben dagegen den Kursen hinterherschauen und sich berechtigterweise die Frage gefallen lassen müssen, warum sie nicht auch im fahrenden Zug sitzen? Ja, warum eigentlich nicht? Womöglich fühlt sich der ein oder andere an die Jahrtausendwende erinnert, an die Dotcomblase und deren Platzen.

An den Kater nach dem vorangegangenen Rausch, daran, dass rund fünf Billionen US-Dollar Börsenwert vernichtet wurden. „Konzentration“ ist endlich. Irgendwann verlieren Erwartungen jeglichen Realitätsbezug. Und dann bewegt sich der Markt zurück in Richtung „Normalität“. Genauso ist es in der Vergangenheit immer gewesen. Und genauso wird es im Falle der KI auch sein.

Niemand weiss...

Nur weiß niemand, wann es so weit sein könnte. Sind die jüngsten Rücksetzer ein Vorbote für ein Ende des Hypes gewesen? Vielleicht. Womöglich. Eventuell. Kann sein, muss aber nicht. Anders als zur Jahrtausendwende sind die Unternehmen, deren Aktienkurse in den vergangenen Jahren und Monaten immer weiter gestiegen sind, hochprofitabel. Anders als damals steckt also mehr hinter dem Hype als vage Hoffnungen und lebhafte Fantasie.

Gut möglich also, dass die KI-Rally – nach kleinerer Unterbrechung – weitergeht, trotz (oder gerade wegen) des Irankriegs, trotz der damit verbundenen Sorgen um die weltweite Energieversorgung und damit das globale Wirtschaftswachstum. Für mich, für uns ist das Thema höchstrelevant, weil auch wir in der jüngeren Vergangenheit oft gefragt worden sind, warum wir nicht mehr Tech-Aktien „an Bord haben“. So wie wir derzeit gefragt werden, warum wir keine größeren Beteiligungen an Ölunternehmen besitzen.

Ich vermute fast, die Antwort darauf ist nur bedingt zufriedenstellend. Dennoch möchte ich sie geben, es zumindest versuchen – und ein wenig ausholen. Flossbach von Storch ist Ende der 1990er-Jahre (und damit inmitten des Dotcomhypes) gestartet – als klassischer Vermögensverwalter.

Klassische Vermögensverwaltung, nichts anderes ist für uns auch das Management von Multi-Asset-Fonds. Vermögen möglichst erhalten und über die Zeit auskömmliche Renditen erwirtschaften. An dieser Aufgabenstellung hat sich in all den Jahren nichts verändert.

Aber was bedeutet das konkret, in der Umsetzung? Vermögen zu erhalten, heißt zuallererst, potenzielle Kapitalmarktrisiken zu reduzieren. Das tun wir, indem wir das uns anvertraute Vermögen – stark vereinfacht ausgedrückt – möglichst breit aufstellen und verteilen. Auf verschiedene Anlageklassen, Einzeltitel und Währungsräume. Was so einfach klingt, ist doch so schwer.

Wir suchen "Berechenbarkeit"

In der Diversifikation spiegelt sich die Einsicht des Investors wider, nicht alles wissen zu können, sich aber bestmöglich vorbereiten zu wollen. Auf verschiedene Szenarien, nicht nur das eine – auf mögliche Krisen und deren Folgen. Krisen und Kriege, wie der im Nahen Osten. Wohl wissend, dass es keine Wundermittel oder beste Strategien gibt an der Börse. Wenn es kracht, kommt gewöhnlich niemand schadlos davon; aber wir können die auftretenden Schmerzen lindern, so gut es geht ...

Diversifikation statt „Konzentration“ lautet demnach unser Motto. Auch wenn Diversifikation temporär Rendite kostet, eben weil man sich für verschiedene Szenarien wappnen muss.

Wir wissen nicht, was als nächstes passiert. Das sollten wir uns stets bewusst machen. Noch wichtiger ist die daran anschließende Frage: Was kann, was darf alles passieren, ohne dass ein Vermögen allzu großen Schaden nimmt? Diversifikation ist Teil der Antwort darauf.

Es gibt Phasen, zugegeben, in denen wirkt dieses Motto wie aus der Zeit gefallen. Wie ein Western von gestern. Weil die Opportunitätskosten der Diversifikation zu hoch erscheinen. Nichtsdestotrotz sind wir davon überzeugt, dass dieser Ansatz langfristig trägt und die Nerven der Anlegerinnen und Anleger schont.

Dazu passt – bezogen auf die Aktienauswahl – auch unsere Vorliebe zu eher langweiligen Geschäftsmodellen, etwa die Hersteller von Gütern des täglichen Bedarfs. Allzu viel Wachstumsfantasie steckt in diesen Titeln gewiss nicht. Dafür lässt sich deren langfristige Ertragsentwicklung einigermaßen gut vorhersagen; was nicht heißt, dass auch deren Aktienkurse zuweilen kräftig schwanken können.

Berechenbarkeit ist das, was wir zuallererst suchen, aus Überzeugung und aus Erfahrung, wohl wissend, dass Fantasie gewöhnlich der viel größere Kurstreiber ist. Deswegen investieren wir auch in den Techbereich – aber wohldosiert.

Es gibt Phasen, in denen wir hinter dem Trend und damit hinter dem Markt herlaufen. In denen die Aktien, auf die wir schwerpunktmäßig setzen, links liegen gelassen werden von den allermeisten Investoren, weil andere Unternehmen und deren Wachstumspotenziale schlicht interessanter erscheinen. Die Börsenkurse der Verschmähten den Unternehmenswert nicht adäquat widerspiegeln – für den Moment.

Das Problem für kaufmännisch denkende Investoren wie uns ist, dass sich Wachstumspotenzial schlecht rechnen lässt, eher fühlen. Und das reicht uns in der Regel nicht aus.

Der Philosophie treu bleiben

Ein Beispiel sind die Ölkonzerne, deren Aktien seit Ausbruch des Irankriegs wieder in aller Munde sind. Wenn Sie den Vorstand eines dieser Konzerne fragten (was wir in der Vergangenheit des Öfteren getan haben), was er denn meine, wo die Ölpreise in fünf Jahren stünden, zuckte der nur mit den Schultern. Wer weiß das schon?

Was nicht heißt, dass Ölaktien über eine gewisse Zeit nicht ein sehr gutes Investment sein können. Nur kalkulieren lässt sich das schwer. Und deshalb sind wir seit jeher zurückhaltend bei Branchen und Unternehmen, die sehr stark von exogenen Faktoren abhängig sind.

Wir sind zuletzt oft gefragt worden, ob es nicht ratsam wäre, unsere Anlagestrategie dahingehend anzupassen, eben stärker jenen Trends zu folgen, die an der Börse gespielt würden.

Nein, wäre es nicht. Verlässlichkeit und Berechenbarkeit sind unser höchstes Gut. Dafür stehen wir seit Unternehmensgründung. Wir bleiben unserer Anlagephilosophie treu. Weil wir fest davon überzeugt sind, dass sich das langfristig auszahlen wird. An der Börse braucht es Geduld – auch wenn das zuweilen schwerfällt.

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