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Gesellschaft
18 Minuten

Staatsschulden und Kriegsfinanzierung

- Flossbach von Storch

Wie militärische Konflikte Staaten in große Finanznot bringen (können), zeigt eine historische Betrachtung und ein Gastbeitrag von Professor Werner Plumpe.

Die geplante Aufrüstung in den hoch verschuldeten Staaten Europas lässt aufhorchen. Die Historie zeigt, dass Kriege immer wieder für große Finanznot sorgten, selbst wenn Staaten vorher nicht so hoch verschuldet waren wie derzeit.

So war es bereits im 16. Jahrhundert extrem teuer, Kriege zu führen. Und bei der spanischen Krone landete nach der Entdeckung Amerikas tonnenweise Silber. Dennoch konnte Spanien Kriege im 16. und 17. Jahrhundert gegen die Niederlande, Großbritannien und Frankreich nur durch immer neue Schulden finanzieren, die nicht zuletzt von den großen oberdeutschen Finanzhäusern, etwa der Fugger und Welser, aufgebracht wurden. Dadurch war Spanien zwar in der Lage, den Krieg lange hinauszuziehen, aber im Kampf um die Vorherrschaft in Europa hat es letztlich nichts genutzt.

Statt zu triumphieren, war die spanische Krone zwischen 1557 und 1647 sechsmal gezwungen, ihre Zahlungsunfähigkeit zu erklären; Staatsbankrotte, die jeweils auch für die Gläubiger verheerende Folgen hatten.

Die Niederlande, lange Zeit Spaniens Hauptgegner, hatten hingegen bereits ein recht modernes Steuer- und Bankensystem, erzielten hohe Einnahmen und waren durchweg liquide. Amsterdam wandelte sich zum europäischen Finanzzentrum, in dem Anleger aus allen Teilen des Kontinents ihr Geld in Sicherheit brachten. Trotz der Belastung durch den Krieg mit Spanien blieb der Zinssatz, den die niederländischen Generalstaaten zahlen mussten, niedrig. Doch diese frühe Etablierung moderner Finanzmarktstrukturen war die Ausnahme.

Die großen europäischen Staaten hielten am Schuldenmachen fest. So wurde der Spanische Erbfolgekrieg zwischen 1701 und 1714 von Frankreich, Großbritannien und Habsburg mit Schulden finanziert, die nach dem Ende des Kriegs die Staaten an den Rand der Zahlungsfähigkeit brachten. Versuche der Entschuldung von Frankreich und Großbritannien führten zu zwei der ersten großen europäischen Finanz- und Spekulationskrisen.

1718 bis 1720: Schuldeninduzierte Spekulationsblasen in Paris und London

Das ging, kurz gesagt, so: Der Staat stattete private „Entrepreneure“ mit Privilegien in bestimmten Bereichen des Kolonialhandels, namentlich im südlichen Nordamerika und der Karibik aus und erlaubte zur Ausnutzung dieser Chancen auch die Gründung einschlägiger Aktiengesellschaften. Deren Aktienkurse schossen wegen der zu erwartenden Gewinne durch die Decke („South Sea Bubbles“), sodass es diesen Kaufleuten möglich war, im Gegenzug zu den Privilegien einen großen Teil der Staatsschulden zu übernehmen.

In Frankreich gehörte zu den Privilegien zusätzlich das Recht eine Bank mit Notenausgaberecht („Banque Royale“ des Unternehmers John Law) zu errichten, die ebenfalls rasch den Zuspruch der Bevölkerung erzielte. Die ersten Erfolge waren phänomenal. Law wurde wie ein „Magier“ verehrt. In London wurden zur gleichen Zeit dutzende Aktiengesellschaften gegründet, die nicht einmal einen Zweck ihrer Tätigkeit angaben; das Publikum riss die Aktien den Anbietern gleichwohl aus den Händen.

Es kam, wie es kommen musste. Sobald klar war, dass die Erwartungen in den Kolonien nicht erfüllt wurden, brachen die Kurse zusammen, zunächst in Paris, wo ein großer Teil des Publikums in wenigen Tagen enteignet wurde, als ihre Papiere nichts mehr wert waren. Law musste Paris fluchtartig verlassen. Wer noch konnte, suchte sich an den Londoner Kapitalmarkt zu retten, doch auch der brach nur kurze Zeit später zusammen. Wieder stand das Publikum mit leeren Händen da. Die Regierung in London reagierte immerhin mit dem „Bubbles Act“, der für die Zukunft die Gründung von Aktiengesellschaften faktisch verbot, für die Masse des enteigneten Publikums war das aber nur ein schwacher Trost.

Nach 1815: Strikte Sparpolitik Gegen hohe Verschuldung nach Waterloo

Doch die französische und die britische Regierung finanzierten ihre andauernden Konflikte im 18. Jahrhundert weiter mit Schulden; am Ende der napoleonischen Kriege im Juni 1815 waren beide Staaten überschuldet. Diesmal kam es allerdings nicht zur Massenenteignung.

Eine überaus restriktive Finanzpolitik war die Folge. Frankreich, das seit den 1790er-Jahren mit Papiergeldinflation experimentiert hatte, kam durch eine Währungsreform und eine restriktive Geldpolitik nach und nach aus den Schulden heraus. Ähnlich war es in England, wo in den Jahren nach Napoleon massiv um die Verfassung des Finanzmarkts gestritten wurde; ein Streit, der mit der Einführung des Goldstandards und strikten Regeln für die Bank von England endete, mit denen Papiergeldexperimenten ein Riegel vorgeschoben werden sollte.

Zur restriktiven Geldpolitik kam eine überaus sparsame Haushaltspolitik hinzu, die ebenfalls in den überschuldeten Staaten Österreich und Preußen verfolgt wurde. Modern gesprochen ging die Staatsquote, die in der Kriegszeit bei mehr als der Hälfte der wirtschaftlichen Gesamtleistung gelegen hatte, nach dem Ende der Napoleonischen Kriege durchweg dramatisch zurück. In Preußen nahm der Staat zur Mitte des Jahrhunderts kaum zehn Prozent des Inlandsprodukts in Anspruch; in den anderen Staaten war es ähnlich. Manchesterkapitalismus und Nachtwächterstaat waren so gesehen eben auch Kinder der Not, ohne die die hohe Staatsverschuldung nie hätte bewältigt werden können.

Anders als man heute zu denken geneigt ist, führte der Rückzug des Staats im 19. Jahrhundert nicht zu einer wirtschaftlichen Lähmung der beteiligten Volkswirtschaften, im Gegenteil: Der dem französischen König Louis Philippe zugeschriebene, wahrscheinlich wohl von seinem Finanzminister François Guizot stammende Satz: „Bereichert euch!“ – gedacht als Aufforderung an das Bürgertum, Geschäfte zu machen und dadurch Vermögen zu gewinnen – traf den Nerv der Zeit, die als Hochphase der industriellen Revolution in Erinnerung geblieben ist.

Erster Weltkrieg – Massive Verschuldung endet in Inflation

Das Ausbleiben großer militärischer Auseinandersetzungen begünstigte den „schlanken Staat“, dessen Stündlein allerdings mit dem Kriegsausbruch 1914 schlug. Während der militärische Aufwand in den Jahren danach gewaltig stieg, ging das zivile Güterangebot immer schneller zurück. Der Goldstandard wurde suspendiert, gewaltige Kriegskredite mobilisiert, eine Papiergeldinflation setzte zunächst schleichend, später immer offener ein.

Die Weimarer Republik finanzierte auch die Rückkehr zur Friedenswirtschaft auf Pump. Die Inflation nahm nach einer kurzen Scheinblüte schließlich ungeahnte Ausmaße an, die mit der Währungsreform vom November 1923 (Rentenmark) in einer vollständigen Enteignung der Geldvermögen und einer kompletten Entwertung der Staatsanleihen endete. Wie nach dem Spanischen Erbfolgekrieg zahlte auch diesmal, zumindest im deutschen Fall, das Publikum mit dem vollständigen Verlust des Geldvermögens.

Auch die alliierten Staaten Großbritannien, Frankreich und Russland hatten sich hoch verschuldet. Sie hofften auf deutsche Reparationszahlungen, doch reichten diese kaum hin, um die Kriegsfolgen zu decken, zumal Sowjetrussland, einer der Hauptschuldner aus der Vorkriegs- und Kriegszeit, sich weigerte, die Schulden aus der Zarenzeit anzuerkennen.

Großbritannien stand noch vergleichsweise gut da. Sein Auslandsvermögen war vor dem Krieg groß gewesen und als damals wichtigster Finanzplatz der Welt hatte es selbst Kredite an die Alliierten vergeben, aber der Ausweg, die verbliebenen Verpflichtungen durch eine kontrollierte Inflation des Pfundes in den Griff zu bekommen, war versperrt. Denn dadurch wäre dessen Stellung als Anker des Goldstandards und Garant der Bedeutung des Finanzplatzes London unterminiert worden. Also betrieb das Land eine seinerzeit sehr umstrittene restriktive Geldpolitik. Der alte Goldstandard kehrte zwar modifiziert zurück, aber London verlor seinen Glanz.

Deutschland bezahlte seine Reparationen mit amerikanischen Krediten, Frankreich und Großbritannien nutzten diese Zahlungen zumindest teilweise, um ihre Kriegsschulden in den USA zu begleichen, während die US-Banken das Geld gleich wieder an Deutschland ausliehen: angesichts der hohen Zinsen in Deutschland ein lukratives Geschäft, das sofort zusammenbrechen musste, wenn der Geldstrom aus den USA versiegte. Genau das geschah in der Wirtschaftskrise 1929 und riss die Weltwirtschaft in den Abgrund.

Zweiter Weltkrieg – Schuldenorgie, Währungsreform und Konsolidierung

Auch der Zweite Weltkrieg war nur über Schulden zu finanzieren – in der Hoffnung, die Lasten dem Verlierer auferlegen zu können. Deutschland war bei der Verschuldung besonders dynamisch und besonders einfallsreich, doch änderte das nichts an einer Situation der völligen Überschuldung bei Kriegsende. Erneut wurden die Schulden durch eine gänzliche Enteignung des geldbesitzenden Publikums getilgt: die Währungsreform von 1948, bei der alle inländischen Guthaben und Verbindlichkeiten drastisch abgewertet wurden (100 RM zu 6,50 DM).

Die Auslandsschulden regelte das Londoner Abkommen, das der Bundesrepublik neben dem Verzicht auf ausstehende Zinszahlungen großzügige Zahlungsfristen einräumte, sodass das Land nach und nach seinen Verpflichtungen nachkommen konnte. Die Tatsache der relativen Schuldenfreiheit sowie eine überaus zurückhaltende staatliche Finanzpolitik dürften in Kombination mit den Stabilitätsbemühungen der Bundesbank der wesentliche Pfeiler des Wirtschaftswunders gewesen sein.

Seit den 1960er-Jahren – immer neue Gründe für Staatsschulden

Seit dem Ende der 1960er-Jahre ging der Zusammenhang von Staatsverschuldung und Kriegsfinanzierung indes verloren. Im Zuge des Keynesianismus und des Ausbaus des Sozialstaats änderte sich der Charakter der Verschuldung, die zu einem gewöhnlichen, ja gewünschten Instrument der Staatsfinanzierung wurde. Der Finanzhistoriker Hans-Peter Ullmann spricht in diesem Zusammenhang vom „Verschuldungskomplex“, der Ende der 1960er-Jahre in der Hoffnung entstand, mit Schulden eine Modernisierung der Wirtschaft (und der Gesellschaft) erreichen zu können, die wiederum durch ihre Erfolge die Verschuldung mehr als kompensieren würde. Der Erfolg blieb so erwartbar aus, wie die Schulden blieben.

Seither lässt sich eine Koevolution von Schuldenexpansion und staatlicher Wirtschafts- und Finanzpolitik beobachten, die mittlerweile atemberaubend ist. Die (wohlgemerkt) steigenden Steuereinnahmen reichen seit jener Zeit nicht mehr aus, um den Staat im Sinne des politischen Mainstreams handlungsfähig zu halten, sodass auf jede Herausforderung oder Krise mit neuen Schulden reagiert wird, die indes lediglich in den 1980er-Jahren zeitweise wieder abgebaut wurden. Die Finanzierung der Wiedervereinigung, die Herausforderungen der Dotcomkrise, die Weltfinanzkrise, die Flüchtlingskrise, die Corona-Krise und schließlich der Ukrainekrieg waren die wichtigsten Etappen in dieser Schuldenkumulation, die durch die aktuelle Verschuldungspolitik noch einmal radikalisiert wird.

Nach 1990 – Entkopplung von Schuldenwachstum und Produktivitätssteigerung

Fatal ist: Die Verschuldung wird seit den 1990er-Jahren auch nicht durch eine zunehmende Produktivität gedeckt, wie man es im Verschuldungskomplex der 1970er-Jahre erhofft hatte, im Gegenteil. Seit den 1990er-Jahren gehen die Produktivitätszuwächse deutlich zurück, aktuell sinkt das Produktivitätsniveau sogar. Es ist absehbar, dass die Schuldentragfähigkeit selbst eines Landes wie Deutschland an ihre Grenzen stößt. Bereits aktuell erwirtschaftet die deutsche Wirtschaft nicht mehr den Aufwand, den der Staat betreibt. Die Schulden sind mittlerweile keine bloße Krisenintervention mehr, auch wenn sie so verkauft werden. Sie sind Ausdruck, dass der Staat über seine „Verhältnisse“ lebt, ja ohne stets neue Schulden gar nicht mehr handlungsfähig wäre.

Und nun? — Historisch wurden Verschuldungskrisen zumeist durch die Enteignung des geldbesitzenden Publikums – also über Staatsbankrotte, Inflationen beziehungsweise Währungsreformen „überwunden“. Alternativen waren und sind die finanzielle Repression, wie sie nach 1945 in den USA betrieben wurde, was freilich nur wegen der günstigen konjunkturellen Rahmenbedingungen einigermaßen und keineswegs ohne negative Folgen funktionierte.

Oder der Staat nimmt sich extrem zurück, reduziert den Aufwand, den er betreibt, und vergrößert damit die Handlungschancen der Wirtschaft, freilich um den Preis der deutlichen Schrumpfung beziehungsweise der Nichtentstehung eines funktionierenden Sozialstaats. Das war nach 1815 in Frankreich, Großbritannien oder Preußen möglich, da es noch keine massendemokratischen Strukturen gab. Heute ist ein derartiges Vorgehen wohl faktisch unvorstellbar; in Frankreich gelingt es nicht einmal ansatzweise trotz gravierender Verschuldungsprobleme den Sozialaufwand auch nur geringfügig zu senken, obwohl es nur vernünftig wäre, zu handeln, bevor die Verschuldungskrise unkontrollierbar wird. Aber mit Vernunft ist in absehbarer Zeit wohl kaum zu rechnen.

Zur Person
Der Historiker Professor Dr. Werner Plumpe bekleidete von 1999 bis 2022 den Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Der Autor mehrerer Bücher erhielt 2014 den Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik. Sein jüngstes Werk heißt „Gefährliche Rivalitäten. Wirtschaftskriege – von den Anfängen der Globalisierung bis zu Trumps Deal-Politik“ und ist 2025 im Rowohlt Verlag erschienen, ISBN: 978-3-7371-0216-2.

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