Während Deutschlands Wirtschaft seit sechs Jahren stagniert, hat Spanien ein beneidenswertes Wirtschaftswachstum erlebt. Die Hintergründe des Booms.
Seit dem zweiten Quartal 2019 bis heute ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) um null Prozent gewachsen. In anderen Volkswirtschaften der Eurozone ist das anders; insbesondere Spanien hat ein beneidenswertes Wirtschaftswachstum erlebt.
Inflationsbereinigt liegt dort das BIP um immerhin elf Prozent höher als vor der Corona-Krise. Zwar wuchs die US-Wirtschaft noch etwas stärker, doch Eurozone und Deutschland blieben deutlich hinter Spanien.
Was aber macht Spanien wirtschaftlich erfolgreicher als Deutschland? Auf den ersten Blick wirkt die Entwicklung wie die Erfüllung eines alten Euro-Versprechens: Die Lebensstandards der Länder der Währungsunion gleichen sich an. Tatsächlich ist der Unterschied beim Pro-Kopf-Einkommen zwischen Deutschland und Spanien deutlich geschrumpft. Verdienten die Spanier, pro Jahr gerechnet, im Jahr 2020 im Mittel 18.000 Euro weniger, sind es derzeit noch rund 15.000 Euro weniger. Aber das dürfte eher eine Folge als eine Ursache des jüngsten Booms sein.
Gab es also ein spanisches Produktivitätswunder? Kaum: Die Arbeitsproduktivität, gemessen als BIP pro Erwerbstätigen, ist in Spanien seit 2012 mit drei Prozent nur wenig stärker gestiegen als in Deutschland mit zwei Prozent. In den USA legte die Produktivität im gleichen Zeitraum hingegen um 19 Prozent zu.
Vor allem durch gelungene Einwanderung...
Deutlich stärker gestiegen als in Deutschland ist in Spanien jedoch die Zahl der Erwerbstätigen. Dabei liegt die Geburtenrate pro Frau in Spanien im statistischen Durchschnitt bei 1,12, in Deutschland fällt sie mit 1,35 sogar etwas höher aus.
Dennoch ist Spaniens Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, also alle Personen zwischen 15 und 64 Jahren, seit 2021 um insgesamt 1,2 Millionen gewachsen; die Anzahl der Erwerbstätigen stieg sogar um 2,4 Millionen auf 22 Millionen. In Deutschland hat sich das Arbeitskräftepotenzial im gleichen Zeitraum um etwa 800.000 Personen erweitert. Letzteres erfolgte schlagartig nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine anno 2022. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg bei uns um 1,6 Millionen auf 46 Millionen. Der Zuwachs bei den Erwerbstätigen lag also in Spanien seit 2021 bei etwa zwölf Prozent, in Deutschland waren es nur vier Prozent.
Obwohl der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung in Deutschland mit 14,7 Prozent sogar höher ausfällt als in Spanien mit 13,8 Prozent, ist der Anteil der Ausländer an den Erwerbspersonen in Spanien mit 16,1 Prozent gegenüber 15,3 Prozent in Deutschland höher. Die kulturelle und sprachliche Nähe zu Lateinamerika, woher die Mehrzahl der Einwanderer stammt, hilft zudem Reibungsverluste bei der Integration zu minimieren.
Zumal das großzügige Sozialsystem Deutschlands die Integration der Zuwanderer in den Arbeitsmarkt verzögert. In Spanien wird deutlich weniger Sozialhilfe angeboten. Dafür wird Arbeit auf dem informellen Arbeitsmarkt geduldet — und nach zwei Jahren sogar eine Legalisierung in Aussicht gestellt.
... und Transferzahlungen aus der EU
Ein zweiter Faktor für den spanischen Boom ist Geld aus Brüssel. Die Staatsausgaben in Spanien erhalten massiven Rückenwind durch Transfers der Europäischen Union (EU). Vor der Corona-Krise lagen diese bei einem Prozent des BIP. Schon damals fielen sie für Spanien höher aus als für Deutschland, wo sie 0,3 bis 0,4 Prozent erreichten. Doch nach Covid und dem „Wiederaufbaufonds“ der EU, der im Februar 2021 ins Leben gerufen wurde, und dem später folgenden NextGeneration-EU-Programm änderte sich das.
Allein der Wiederaufbaufonds sieht Zuschüsse und Kredite für Spanien in Höhe von 163 Milliarden Euro vor. Und so summierten sich beispielsweise 2024 die Zuflüsse aus Brüssel für Madrid bereits auf zwei Prozent des spanischen BIP, während Deutschland lediglich einen Zuschuss von 0,6 Prozent erhielt.
Addiert man zum EU-Transfer das staatliche Defizit von jeweils 2,8 Prozent in beiden Ländern, dann bekam die spanische Wirtschaft anno 2024 einen fiskalischen Impuls von insgesamt fast fünf Prozent des BIP. In Deutschland blieb der Impuls hingegen deutlich niedriger. Ein Teil des spanischen Wachstums ist also importierte Nachfrage, finanziert durch europäische Transfers.
Während Spanien also boomt, steckt Deutschland in der Krise. Das spanische „Wirtschaftswunder“ basiert dabei einerseits auf massiven EU-Finanzspritzen. Hilfreich ist aber auch die gelungene Integration von Zuwanderern in den Arbeitsmarkt. Die Duldung informeller Arbeit und die Aussicht auf Legalisierung bieten Zuwanderern offenbar stärkere Anreize, sich am Arbeitsmarkt zu beteiligen.
Glossar
Verschiedene Fachbegriffe aus der Welt der Finanzen finden Sie in unserem Glossar erklärt.
RECHTLICHER HINWEIS
Diese Veröffentlichung dient unter anderem als Werbemitteilung.
Die in dieser Veröffentlichung enthaltenen Informationen und zum Ausdruck gebrachten Meinungen geben die Einschätzungen von Flossbach von Storch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder und können sich jederzeit ohne vorherige Ankündigung ändern. Angaben zu in die Zukunft gerichteten Aussagen spiegeln die Zukunftserwartung von Flossbach von Storch wider, können aber erheblich von den tatsächlichen Entwicklungen und Ergebnissen abweichen. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit kann keine Gewähr übernommen werden. Der Wert jedes Investments kann sinken oder steigen und Sie erhalten möglicherweise nicht den investierten Geldbetrag zurück.
Mit dieser Veröffentlichung wird kein Angebot zum Verkauf, Kauf oder zur Zeichnung von Wertpapieren oder sonstigen Titeln unterbreitet. Die enthaltenen Informationen und Einschätzungen stellen keine Anlageberatung oder sonstige Empfehlung dar. Sie ersetzen unter anderem keine individuelle Anlageberatung.
Diese Veröffentlichung unterliegt urheber-, marken- und gewerblichen Schutzrechten. Eine Vervielfältigung, Verbreitung, Bereithaltung zum Abruf oder Online-Zugänglichmachung (Übernahme in andere Webseite) der Veröffentlichung ganz oder teilweise, in veränderter oder unveränderter Form ist nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung von Flossbach von Storch zulässig.
Angaben zu historischen Wertentwicklungen sind kein Indikator für zukünftige Wertentwicklungen.
© 2026 Flossbach von Storch. Alle Rechte vorbehalten.




