27.10.2020 - Bert Flossbach

Der Preis des Lockdowns


Der Preis des Lockdowns

Das Corona-Virus breitet sich aus, in vielen Regionen gibt es wieder Einschränkungen für die Bevölkerung. Die Pandemie beschleunigt langfristige Trends in unserem Wirtschafts- und Finanzsystem.

Die zweite Welle der Corona-Pandemie schwillt an, besonders deutlich zeigt sich das etwa in Europa. Staaten und Regionen reagieren mit neuen Regeln für die Bürger, die, je nach Verbreitung des Virus, von harten Lockdowns bis zu milderen Einschränkungen wie etwa Sperrstunden in der Gastronomie oder Auflagen bei Veranstaltungen reichen können.

Die Wirksamkeit der verschiedenen Hygiene-Regeln dürfte sich erst in einigen Wochen zeigen. Solange es keinen wirksamen Impfstoff gibt, haben die Hygiene-Regeln auch eine ökonomische Dimension. Je länger es dauert, bis das Vertrauen der Menschen wieder groß genug ist, um zu reisen, Veranstaltungen zu besuchen und sich mit der gleichen Selbstverständlichkeit zu treffen wie vor der Pandemie, desto mehr Geld müssen die Staaten für Hilfsprogramme ausgeben, die die besonders stark betroffenen Branchen, Unternehmen und deren Mitarbeiter vor den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie schützen.

Marktwirtschaft in Zeiten des Coronavirus

Solange es sich um Überbrückungshilfen handelt, die eine absehbare Rückkehr zur Normalität ermöglichen sollen, ist dies verständlich. Je länger die Hilfsmaßnahmen – Unterstützungszahlungen, Hilfskredite, Kurzarbeitergeld oder das Aussetzen des Insolvenzrechts – andauern, umso stärker verschleiern sie aber auch die tatsächliche Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

Der vom Ökonom Joseph Schumpeter beschriebene Prozess der schöpferischen Zerstörung (beziehungsweise Erneuerung) wird damit unterbunden. Es droht eine Zombifizierung der Wirtschaft mit vielen halbtoten Unternehmen. Und natürlich sind auch der Leistungsfähigkeit des Staates Grenzen gesetzt, selbst wenn er sich zinslos neu verschulden kann.

Hilfsprogramme gibt es nicht umsonst

Doch ohne staatliche Unterstützung würden viele der von der Pandemie besonders stark betroffenen Unternehmen einen länger anhaltenden Ausnahmezustand kaum überleben. Die damit verbundenen Kollateralschäden bei mittelbar betroffenen Lieferanten, Immobilienbesitzern, Banken und anderen Gläubigern könnten nicht nur zu einer erneuten Rezession führen, sondern auch das Finanzsystem destabilisieren.

Es ist deshalb zu erwarten, dass die Regierungen in der Hoffnung auf eine baldige Normalisierung alles tun werden, um den am stärksten betroffenen Unternehmen das Erreichen des rettenden Ufers zu ermöglichen und die ökonomischen und sozialen Folgen der Pandemie zu begrenzen.

Dies wird zwangsläufig auch zu weiterhin hohen Staatsdefiziten und wachsenden Schuldenbergen führen, deren Finanzierbarkeit aufgrund des niedrigen Zinsniveaus derzeit keinerlei Schwierigkeiten bereitet. Sollten die Zinsen aber eines Tages wieder steigen, etwa weil die Inflation deutlicher ansteigt oder die Menschen eine höhere Inflationserwartung zur selbsterfüllenden Prophezeiung machen, würde die Finanzierung des Schuldenbergs zum Problem werden.

Dieser Gefahr sind sich auch die Notenbanken bewusst. Ihre Geldpolitik bleibt ebenso expansiv wie einfallsreich. Null- und Minuszinsen, die Käufe von Staats- und Unternehmensanleihen haben Bestand. Die US-Notenbank hat zuletzt signalisiert, dass steigende Inflation nicht zwangsläufig zu höheren Zinsen führen müsse. Anleger sollten die richtigen Schlüsse aus der Corona-Ökonomie ziehen.

 

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