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Gesellschaft
6 Minuten

KI in Chinas Arbeitswelt: Wenn Mitarbeiter zu „Skills“ werden

- Shenwei Li

Wirtschaftsmotor, Supermacht, Parteidiktatur. Wer sich für globale Trends interessiert, der blickt nach China. China-Analystin Shenwei Li berichtet von ihren Erfahrungen - subjektiv, aus dem Blickwinkel einer Chinesin. Diesmal geht es um „skills“, „Token“-Preise und das „Destillieren“ von Mitarbeitern.

Das Wichtigste in Kürze

  • KI-Agenten übernehmen Arbeitsabläufe: Einzelne Unternehmen übertragen das Wissen und die Arbeitsweise von Beschäftigten in sogenannte Skills. Damit können KI-Agenten Aufgaben nach deren Vorbild erledigen.
  • Beschäftigte finanzieren KI selbst: Manche Programmierer bezahlen zusätzliche KI-Token aus eigener Tasche, um leistungsfähigere Modelle zu nutzen und sich im Wettbewerb mit Kollegen zu behaupten.
  • KI-Zugänge vom Graumarkt bergen Risiken: Über Zwischenhändler beschaffte Zugänge können unzuverlässig sein. Kontosperrungen, schwankende Modellqualität und mangelnde Datensicherheit erschweren die Nutzung.

Künstliche Intelligenz (KI) ist weltweit ein großes Thema und beeinflusst in China mehr und mehr die Arbeitswelt. Unlängst sorgte ein Fall in den sozialen Medien bei uns für große Aufmerksamkeit: Ein Online-Gaming-Unternehmen aus der Provinz Shandong hat die Arbeitsabläufe eines Ex-Mitarbeiters – nennen wir ihn A – in eine „A.Skill“ umgemünzt.

Der Chatbot von dem Ex-Mitarbeiter agierte in einer bestehenden Arbeitsgruppe auf WeChat mit dieser „A.Skill“ als Plug-in wie früher weiter. Dabei wurden auch persönliche Eigenheiten des Ex-Mitarbeiters weiterhin festgestellt; wie seine ganz besondere Art, Aufgaben zu delegieren.

Sie verstehen hier vor allem Bahnhof? – Dann lassen Sie mich etwas ausholen: In der Zeit des mobilen Internets waren wir alle an Apps auf unseren Smartphones gewöhnt, mit denen wir beispielsweise Fahrdienste rufen oder Reisen buchen konnten. Apps sind mit Skills vergleichbar, die eigenständige, modulare Funktionen für KI-Agenten erfüllen.

Was sind KI-Skills – und wie nutzen KI-Agenten sie?

Doch während Apps von professionellen Entwicklern geschrieben wurden, können Skills dank der Programmierfähigkeiten von KI theoretisch von jedem und in kurzer Zeit erstellt werden. Skills sind zudem bei uns meist kostenlos auf offenen Plattformen verfügbar. In der Regel sind sie aber deutlich fragmentierter als Apps, beziehungsweise stärker auf individuelle Bedürfnisse zugeschnitten.

Skills sind also wichtig, damit KI-Agenten ihre Aufgaben erledigen können. Um sie zu erstellen, wird der Zugang zu Daten und Werkzeugen benötigt. KI-Agenten brauchen zudem klare Anweisungen, die komplexere Aufgaben in Arbeitsabläufe (Workflows) unterteilen.

Wie Unternehmen Mitarbeiter in KI-Skills „destillieren“

Manche Unternehmen verfolgen nun Mitarbeiter-Aktivitäten, um eigene KI-Modelle zu trainieren. Mitarbeiter können so „destilliert“ werden. Das bedeutet, ihre Arbeitsabläufe werden in „Skills“ verpackt, die wiederum KI-Agenten befähigen so zu agieren wie der Mitarbeiter – oft inklusive seiner oder ihrer persönlichen Eigenheiten.

Und so wird das Wörtchen „Skills“ in China zunehmend mit Beschäftigungsthemen in Verbindung gebracht. Schließlich ist es heikel, wenn Beschäftigte daran mitarbeiten müssen, sich und ihren Arbeitsplatz obsolet zu machen.

Für die Unternehmen ist der Wandel technisch nicht schwierig. Erst im vergangenen April wurde „Kollege.Skill“ von einem 24-jährigen chinesischen Entwickler innerhalb weniger Stunden geschrieben und kann bei uns auf der Plattform GitHub heruntergeladen werden. Danach werden nicht nur Arbeitsunterlagen, E-Mails und Chats von Mitarbeitern genutzt, sondern auch der subjektive Eindruck des Entwicklers vom Ex-Kollegen eingegeben. Und schon beantwortet der Chatbot Fragen möglichst in dessen Stil.

Welche rechtlichen Grenzen gelten für KI am Arbeitsplatz in China?

Dennoch bestehen bei uns Hürden, die dieser Entwicklung entgegenstehen: So gab es Ende April in Hangzhou eine Klage eines gekündigten Arbeitnehmers gegen seinen Ex-Arbeitgeber, der nach einem solchen KI-Einsatz das Gehalt des klagenden Arbeitnehmers kürzen und ihn auf eine weniger wichtige Stelle versetzen wollte. Das Mittelgericht von Hangzhou fällte das Urteil zugunsten des klagenden Arbeitnehmers.

Die Begründung in verkürzter Form: Der Mitarbeiter habe nichts an seinen Fähigkeiten oder dem Willen, diese einzusetzen, eingebüßt. Zudem ist soziale Stabilität bei uns ein wichtiges Ziel. Entsprechend sollten sich Unternehmen sensibel verhalten und KI nutzen, um ihr Geschäft auszuweiten, nicht um Mitarbeiter abzubauen.

Wie Beschäftigte KI gegen das „Destillieren“ einsetzen

Das macht Mut – selbst wenn natürlich auch bei uns nicht jeder KI sinnvoll und kreativ einsetzt. Aber es gibt einige interessante Entwicklungen für Arbeitnehmer, die sich dem „Destillieren“ entgegenstellen. Die „Anti-Destillation.Skill“ manipuliert für einen vorgegebenen Skill den Input, sodass am Ende eine anscheinend professionelle, aber inhaltlich leere Antwort nach außen geht. Ehrgeizigen hilft zudem in manchen Fällen Boss.skill. Hier können Mitarbeiter in 30 Minuten die Entscheidung von Chefs antizipieren, nachdem der Skill mit Input rund um den Chef (Rede, E-Mails et cetera) gefüttert wurde.

Immerhin hat jeder in China Zugang zur KI, nicht nur die „Bosse“. Und die finanzielle Eintrittsbarriere ist nicht hoch, gemessen an den Token-Preisen. Chinesische Anbieter wie Deepseek sind dabei besonders günstig, US-Anbieter wie OpenAI und Anthropic sind mehr als zehnmal so teuer.

Warum chinesische Arbeitnehmer selbst für KI und Token bezahlen

Doch wenn es um Leistungsfähigkeit geht, verliert die preisliche Attraktivität an Bedeutung. Dabei ist normalerweise die Zahlungsbereitschaft von Geschäftskunden höher als die von privaten Kunden. Doch gibt es bei uns inzwischen Anzeichen, dass die Privatleute fast ebenso zahlungsbereit sind. Dahinter steckt vor allem die Gruppe der Programmierer.

Und die Gründe dafür sind sehr chinesisch: So sind chinesische Arbeitgeber meist sehr techno-affin und ermutigen in den meisten Fällen eine aktive Nutzung von KI-Tools. Teurere und leistungsfähigere westliche Sprachmodelle wären daher eigentlich die erste Wahl. Für die meisten kleineren bis mittleren Unternehmen sind die KI-Budgets jedoch beschränkt. Und so bekommen Mitarbeiter dort pro Monat meist eine bestimmte Summe als „Token-Subvention“ zugeteilt, die für beliebige große Sprachmodelle verwendbar ist, sei es DeepSeek, ChatGPT oder Claude. Besteht Bedarf darüber hinaus, ist der Rest aus eigener Tasche zu entrichten.

Nun ist die Arbeitswelt in China von harter Konkurrenz geprägt. Es reicht also nicht, wenn man seine Aufgaben gut erledigt. Die meisten haben das Gefühl, besser sein zu müssen als die Kollegen. Und so liegt es auf der Hand, teurere Token von den vermeintlich etwas leistungsstärkeren Modellen auf eigene Kosten zu kaufen, um besser oder schneller zu werden. Und so ist die Zahlungsbereitschaft für KI im Privatkundenbereich bei uns bereits auf ähnlichem Niveau wie bei Geschäftskunden.

Warum in China ein Graumarkt für KI-Token entsteht

Da war doch was – mag an dieser Stelle mancher von Ihnen denken. Zu Recht! – China darf derzeit von Anthropic und OpenAI zumindest nicht mit besonders leistungsstarken Modellen beliefert werden. Ein erfolgreicher Zugang zu den beiden Anbietern ist dennoch möglich, aber es ist sehr zeit und kostenaufwendig. Fündig wird man bestenfalls auf digitalen Flohmärkten, auf denen „token-reiche“ Programmierer Token verschenken, die sie nicht benötigen.

Die zweite Alternative ist, ein Testkonto von einem Zwischenhändler zu kaufen, der nichts anderes macht, als täglich Tausende neue Konten zu eröffnen und an token-hungrige Programmierer weiterzuverkaufen. Noch professionellere Mittelsmänner verfügen über Hunderttausende Testkonten und richten einen Kontopool ein. Hier ist ein Steuerungssystem verfügbar, das die verbleibenden Token automatisch verwaltet.

Zahlt ein Kunde beispielsweise 10 US-Dollar ein, dann bekommt er fünf Konten aus dem Pool. Das Risiko ist bei jedem Kauf eine instabile Qualität, weil gekaufte Token von weniger schlauen Modellen kommen könnten. Datensicherheit ist nicht erhältlich. Jedes Konto kann jederzeit gesperrt oder der Dienst eingestellt werden. Diese hohe Unsicherheit kostet einen Programmierer bei uns etwa zwei bis drei Stunden täglich, die er braucht, um Token zu beschaffen und zu verwalten. Dabei besteht ein permanenter Druck, beschaffte Token möglichst schnell einzusetzen. Vor diesem Hintergrund besorgen sich manche zusätzlich auch noch Token-Steuerungssysteme.

Wie KI-Token in China zum neuen Geschäftsmodell werden

Kreditkartenunternehmen haben den Trend der Zeit bei uns erkannt, und Tokenvolumina bereits zu Vorteilen gemacht, auch wenn sie nicht von Claude oder ChatGPT kommen. China Merchants Bank und American Express arbeiten dabei mit dem chinesischen Start-up Minimax zusammen. Neue Kunden, die bestimmte Kriterien erfüllen, bekommen bis zu 1,8 Milliarden Token pro Monat. Ein weiteres Start-up kündigte ein ähnliches Modell an. So oder so gilt es für die Menschen bei uns, KI-Ausgaben bei den Lebenshaltungskosten mehr und mehr zu berücksichtigen.

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