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Bonds in the Spotlight
12 Minuten

Warum Zinsänderungen wohl ausbleiben

- Julian Marx

Der Krieg im Iran hat die Energiepreise hochschnellen lassen. Stehen die Notenbanken jetzt unter Zugzwang?

Wie gefährlich Inflation werden kann, haben die meisten von uns noch gut in Erinnerung. Zinserhöhungen haben sich als gutes Mittel dagegen erwiesen. Doch wenn die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) Ende April über die angemessene Leitzinshöhe beraten, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts tun – trotz Ölpreisschock.

Im Fall der Fed gilt ein unverändertes Leitzinsniveau von 3,5 bis 3,75 Prozent an den Finanzmärkten als so gut wie sicher, und auch für die Eurozone sehen Marktteilnehmer gegenwärtig nur eine kleine Chance, dass die EZB den Einlagezinssatz von aktuell 2,0 Prozent bei dieser Sitzung anhebt. Sind also die jüngsten Anstiege der Energiepreise nur „halb so wild“?

Zwei Einträge für die Geschichtsbücher

Sicher ist, dass die aktuelle Preisentwicklung schon jetzt eine historische Dimension in der noch jungen Geschichte der Eurozone einnimmt: Im März 2026 kletterten die Energiepreise um stolze 7,0 Prozent gegenüber dem Vormonat – das ist der zweitstärkste Energiepreisanstieg in dieser Frist, der seit Bestehen des Euroraums im Jahr 1999 gemessen wurde. Nur im März 2022, mit Beginn des Ukraine-Kriegs, stiegen die Energiepreise binnen eines Monats noch schneller. Damals verteuerten sie sich um 12,2 Prozent gegenüber Februar 2022.

Insofern war die initiale Preisentwicklung, die mit der Blockade der Straße von Hormus verbunden ist, außergewöhnlich. Und sie hat auch die USA mit voller Härte getroffen. Dort kletterten die Energiepreise im März um 11,9 Prozent gegenüber Februar – und damit noch stärker als im Euroraum; die steigenden Rohstoffpreise für Öl und Gas schlagen aufgrund einer niedrigeren Steuerbelastung in den USA noch deutlicher auf beispielsweise Benzinpreise durch. Und so waren die Benzinpreise dann auch ein Haupttreiber der US-Inflation – sie schossen binnen eines Monats um 21,2 Prozent nach oben – so stark wie noch nie seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1967.

Teure Aussichten

Angesichts derartiger Preissprünge ist es nur verständlich, dass die Möglichkeit von Zinserhöhungen hierzulande immer mehr Platz in der medialen Debatte einnimmt.

Wie weitreichend deren mittelfristige Auswirkungen auf die Gesamtinflation sein könnten, illustrierten die März-Projektionen der EZB-Mitarbeiter: In dem dramatischsten ihrer drei veröffentlichten Szenarien unterstellte die EZB, dass sich die Öl- und Gasexporte aus dem Persischen Golf um 60 Prozent gegenüber ihrem Vorkrisenniveau verringern und erst ab 2027 langsam wieder normalisieren würden.

In der Folge könnte die Eurozonen-Inflation nach Einschätzung der Notenbanker auf zeitweise mehr als sechs Prozent steigen. In diesem Szenario müsste sich die EZB also mit signifikanten Zweitrundeneffekten auseinandersetzen. Spürbare Zinserhöhungen wären dann wohl unausweichlich.

Doppelte Unsicherheit im Euroraum

Rund zwei Monate, nachdem Israel und die USA erste Luftangriffe auf den Iran starteten, sind allerdings weder Ausmaß noch Dauer des Energiepreisschocks abschließend bekannt. Auch darüber hinaus ist die Datenlage noch nicht so eindeutig, dass Zinserhöhungen zum jetzigen Zeitpunkt selbstredend wären, wie EZB-Präsidentin Christine Lagarde jüngst klarstellte.

Denn nach ihrer Ansicht dürften die kurz- bis mittelfristigen Auswirkungen der gestiegenen Energiepreise auf die Inflation im aktuellen Umfeld vor allem durch zwei Kräfte beeinflusst werden, die in entgegengesetzte Richtungen wirken.

Einerseits haben Haushalte und Unternehmen erst vor wenigen Jahren einen starken Inflationsschock mit zeitweise zweistelligen Inflationsraten erlebt, in dessen Folge sie empfindlicher auf steigende Kosten reagieren könnten. Aktuelle Umfragen deuten darauf hin, dass die Unternehmenserwartungen an die Verkaufspreise bereits gestiegen sind und dass die Haushalte der Inflation mehr Aufmerksamkeit schenken. Das spricht für spürbare Zweitrundeneffekte auf die Inflation und somit für baldige Zinserhöhungen.

Andererseits dürften höhere Energiepreise und eine schwächere Verbraucherstimmung die gesamtwirtschaftliche Nachfrage jedoch zu einem Zeitpunkt belasten, zu dem ohnehin schon ein nur moderates Realwachstum für die Eurozone erwartet wurde. Mit dem Beginn des Iran-Kriegs haben sich diese Wachstumsaussichten zusätzlich eingetrübt, sodass die EZB für dieses Jahr weniger als ein Prozent Wachstum prognostiziert.

Im Ergebnis könnte eine wirtschaftliche Schwächephase das Ausmaß von nachlaufenden Preis- und Lohnerhöhungen signifikant begrenzen. Dann hätten die gestiegenen Energiepreise möglicherweise nur einen vorübergehenden Anstieg der Gesamtinflation zur Folge. Das würde für einen Aufschub möglicher Zinsanhebungen sprechen, um die schwache Wirtschaftsdynamik nicht zusätzlich abzuwürgen.

Die relative Bedeutung der beiden gegeneinander wirkenden Kräfte wird sich allerdings erst in den kommenden Wochen und Monaten herauskristallisieren, wenn konkrete Daten zum Preisverhalten der Unternehmen und zu den Lohnverhandlungen vorliegen. Die doppelte Unsicherheit hinsichtlich der Dauer des Schocks und des Ausmaßes der Preisweitergabe spricht daher (noch) dafür, weitere Informationen zu sammeln, bevor die EZB endgültige Schlussfolgerungen für ihre Geldpolitik zieht.

Weniger Handlungsdruck in den USA

Die Fed sieht den aktuellen Preissteigerungen in gewisser Weise entspannter entgegen als ihr europäisches Pendant. Schließlich verspüren die US-Notenbanker angesichts eines signifikant höheren Leitzinsniveaus in den USA noch wenig Handlungsdruck, Zinserhöhungen in Erwägung zu ziehen.

Vielmehr beschrieb US-Notenbankgouverneur Christopher Waller die derzeitige Rolle der Fed zuletzt fast schon wie die eines neutralen Beobachters – weil es momentan noch einiges an Daten braucht, ehe man in die eine oder andere Richtung vom aktuellen Zinsniveau abrücken würde.

Inflationsseitig ist dabei bemerkenswert, dass die USA mit den zollbedingten Preisanstiegen des vergangenen Jahres gerade erst einen transitorischen Schock verdaut haben. Waller stimmte in diesem Zusammenhang positiv, dass sich die US-Inflation vor Beginn des Iran-Kriegs – sofern man die zollbedingten Preisanstiege ausklammert – weiter nahe des Zwei-Prozent-Inflationsziels bewegte und insofern keine Entankerung der Inflationserwartungen stattgefunden habe. Natürlich gelte es, jetzt zu beobachten, ob die jüngsten Energiepreisanstiege ebenfalls nur vorübergehender Natur seien, nachdem die Verbraucherpreisinflation im März auf 3,3 Prozent geklettert war.

Was ist mit Vollbeschäftigung, dem zweiten Ziel der US-Notenbank

Ähnlich der Eurozone stellt sich Waller dabei die Frage, inwiefern die neuerlichen Preisanstiege die gesamtwirtschaftliche Nachfrage belasten, somit Zweitrundeneffekte bei der Inflation begrenzen, und letztlich das zweite Ziel der US-Notenbank, die Vollbeschäftigung, gefährden. Mit Sorge nahm er dabei die Verbraucherumfrage der University of Michigan zur Kenntnis: Demnach ist die US-Verbraucherstimmung Anfang April auf den tiefsten Stand seit Beginn der Aufzeichnung im Jahr 1952 gefallen.

Auch wenn diese Umfrage in den vergangenen Jahren nicht genau mit den tatsächlichen Privatausgaben übereinstimmte, ist die Gefahr gegeben, dass mit dem neuerlichen Schock irgendwann eine Schwelle überschritten ist, an der die Haushalte mit geringeren Ausgaben reagieren. Mit potenziell negativen Implikationen für den zuletzt robusten Arbeitsmarkt.

Was hinsichtlich der Interpretation des US-Arbeitsmarkts erschwerend hinzukommt, sind die veränderten Rahmenbedingungen rund um den Beschäftigungszuwachs. Während vor einigen Jahren noch ein monatlicher Beschäftigungsanstieg von 50.000 bis 150.000 Personen als kompatibel mit einem gesunden Arbeitsmarkt galt, benötigt es nach Wallers Aussagen aktuell nahezu kein Beschäftigungswachstum mehr, um die Arbeitslosenquote stabil zu halten.

Ursächlich sind eine alternde Gesellschaft und der historische Bruch bei der US-Einwanderung. Betrug die Nettoeinwanderung im Jahr 2024 noch 2,3 Millionen Menschen, schrumpfte sie im Jahr 2025 auf etwa 400.000 Personen. Für 2026 halten manche sogar eine „Nullzuwanderung“ für möglich.

Es hängt davon ab, …

Ob in der Eurozone oder den USA: Die wirtschaftliche Unsicherheit bleibt enorm. Für die Notenbanker bestimmt das Warten auf Daten unverändert den geldpolitischen Alltag. Abhängig davon, ob und wie schnell sich die Blockade der Straße von Hormus endgültig auflöst, sind unterschiedlichste Szenarien für die Energiepreisentwicklung vorstellbar.

Ein großes Fragezeichen steht zudem hinter dem Ausmaß der Preisweitergabe, wenn Energiepreise längere Zeit auf erhöhten Niveaus verweilen. Erst, wenn sich die Antworten auf diese Fragestellungen (etwas) klarer abzeichnen, wird sich wohl auch der Nebel um den weiteren geldpolitischen Pfad lichten.


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