„Die nächste Krise könnte das Ende des Euro bedeuten“

28.05.2018 - Flossbach von Storch

MÄRKTE


Thomas Mayer

Die Staatsschulden steigen stetig – obwohl die Weltwirtschaft seit vielen Jahren wächst. Nur wie lange wächst sie noch? Im Interview spricht Thomas Mayer über die Folgen eines Konjunkturabschwungs.

Nur noch wenige Monate – und der aktuelle Konjunkturaufschwung ist der längste seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Was unterscheidet ihn von früheren Boomphasen?
Thomas Mayer: Er ist wesentlich kraftloser, also kein Boom. Noch interessanter ist aber etwas anderes.

Was meinen Sie?
Gewöhnlich liegen die Zinsen bei einem in die Jahre kommenden Aufschwung deutlich höher – und die Staatsschulden sehr viel tiefer als zu Beginn des Aufschwungs. Folgt dem Aufschwung dann der Abschwung, können die Zinsen sinken und die Schulden steigen. Die Staatsfinanzen bleiben stabil, weil sich an der Zinsbelastung nicht viel ändert. Hat der Staat vorher hohe Zinsen auf niedrige Schulden gezahlt, zahlt er nun niedrigere Zinsen auf höhere Schulden. Anders ausgedrückt: Stabile Finanzen erlauben dem Staat, neue Schulden zu machen, um sich gegen den Abschwung zu stemmen.

Wo genau ist heute das Problem?
Heute ist es genau andersherum: Der Aufschwung ist alt, die Zinsen dagegen sehr niedrig und die Schulden der Staaten wesentlich höher als gegen Ende des vorangegangenen Aufschwungs. Die Inflation lässt auf sich warten, das heißt, die niedrigen Zinsen erscheinen dem konjunkturellen Umfeld angemessen.

Und wenn die Inflation doch noch anzieht?
Dann haben wir ein Problem. Die Zinsen können nur begrenzt steigen, andernfalls droht vielen Staaten die Zahlungsunfähigkeit.

Wie weit könnte die Europäische Zentralbank EZB erhöhen, bis es brenzlig wird?
Einen Anhaltspunkt dafür bietet die Zinsbelastung der Staaten vor der Schuldenkrise, also Ende 2007. Sie wird errechnet, indem man den Zins mit der ausstehenden Schuld multipliziert. Vom heutigen Niveau aus, also dem gewichteten Mittelwert aller Eurostaaten, könnten die Zinsen um gut zwei Prozentpunkte auf 3,3 Prozent steigen, ohne dass die Zinsbelastung über dem Niveau von Ende 2007 liegen würde. Ein weiterer Anstieg von einem Prozentpunkt – und die Belastung wäre so hoch wie Ende 2011. Damals stand die Währungsunion kurz vor dem Aus!

Würde die EZB den Zins bis dorthin anheben, sollte die Inflation deutlich steigen?
Wohl kaum. Denn damit könnte sie die nächste Schuldenkrise auslösen. Eine solche Krise dürfte das Ende des Euro in seiner heutigen Form bedeuten. Eher wird die EZB die Inflation kleinreden und darauf hoffen, dass die Bürger weiter der Kaufkraft des Euro vertrauen. Falls nicht, werden sie in Sachwerte wie Gold, Immobilien und Aktien fliehen.

Was passiert, wenn der Abschwung kommt, ohne dass die Inflation zuvor gestiegen ist?
Auch dann schnappt die Schuldenfalle zu. Vielen Schuldnern würde die Zahlungsunfähigkeit drohen – nicht etwa, weil ihre Zinsbelastung stiege, sondern weil ihre Einkommen wegbrechen würden. Ein gefallener Schuldner brächte den nächsten zu Fall, wie bei Dominosteinen. Der amerikanische Ökonom Irving Fisher hat in den dreißiger Jahren dafür den Ausdruck der „Schuldendeflation“ geprägt – die gilt es in jedem Fall zu vermeiden.

Was könnte die EZB dagegen tun?
Sie würde vermutlich den Gläubigern marode Schulden abkaufen und wacklige Schuldner stützen, indem sie deren neu begebenen Schuldtitel aufkauft, die sonst niemand haben will. Auch der Kauf von Aktien würde wohl auf dem Programm stehen, um die Eigenkapitalkosten von Unternehmen niedrig zu halten. Auch in diesem Fall könnten die Menschen das Vertrauen in die Kaufkraft des Geldes verlieren – und in Sachwerte fliehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

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