21.06.2019 - Thomas Lehr

Nie war Geldanlage einfacher


Die Zinswende ist abgesagt. Das ist nach den jüngsten Kommentaren von EZB-Chef Mario Draghi hoffentlich auch dem letzten Sparer klargeworden. Geldanlage ist deswegen noch nie so einfach gewesen wie heute.

Falls Sie in der Finanzbranche arbeiten, kennen Sie diese oder ähnliche Situationen: Sie sind privat unterwegs, auf einer Geburtstagsfeier, ihre Gesprächspartner wissen, dass Sie sich beruflich mit Finanzthemen befassen. Sie werden deshalb oft gefragt, was man im aktuellen Zinsumfeld denn am besten mit seinem Geld anstellen solle.

Die Antwort liegt auf der Hand: Sage mir, welche Rendite Du erwartest, dann sage ich Dir, wie viele Aktien Du brauchst. Wer zwei Prozent anpeilt, nach Kosten, der braucht mindestens eine Aktienquote von 25 Prozent, besser mehr. Wer sechs Prozent erwartet, der muss zu 100 Prozent in Aktien investiert sein. Die Werte beziehen sich auf einen langfristigen Anlagehorizont. Der geht bei sieben oder acht Jahren los, besser ist er noch länger. Zwei oder drei Jahre haben mit Geldanlage nichts zu tun!   

Was es braucht, um langfristig erfolgreich anzulegen

Eine wesentliche Voraussetzung für den langfristigen Anlageerfolg ist die Eigenschaft, nicht der Versuchung zu erliegen, ständig an seinem Portfolio herumzudoktern. Künstlich Kosten zu produzieren. Gute Aktien und gute Anleihen kurzerhand aus dem Depot zu werfen, nur weil es am Markt für eine Weile etwas ungemütlicher wird.   

Das große Problem ist, dass Anspruch und Wirklichkeit in der Praxis sehr weit auseinanderklaffen. Mehr als ein Fünftel der Deutschen erwartet von ihrer Geldanlage eine Rendite von mehr als fünf Prozent, jeder zehnte plant gedanklich sogar mit über sieben Prozent. Mit Sparbuch und Festgeld, die immer noch den Großteil des Vermögens hierzulande ausmachen, ist das nicht zu machen.

Die Angaben zeigen vielmehr, dass viele Menschen schlicht keine realistische Renditeerwartung formulieren können. Der Begriff Aktie, also jene Anlageform, die unseres Erachtens im aktuellen Umfeld am besten geeignet sein dürfte, langfristig attraktive Renditen zu erwirtschaften, wird vor allem mit Risiko und Spekulation in Verbindung gebracht.

So werden Anleger vergrault

Um das zu ändern, müssen wir verstehen, was die Gründe für diese Aversion sind. Ohne dies werden wir niemanden überzeugen können, sein Geld in Aktien zu investieren. Das Problem sind die gemachten Erfahrungen. Der Internethype mitsamt dem Neuen Markt zur Jahrtausendwende. Die Finanz- und Schuldenkrise. Erfahrungen prägen. Dass selbst diese schweren Krisen und Crashs in der Retrospektive für einen langfristig orientierten Investoren kaum mehr beängstigend wirken – geschenkt.

Zu den gemachten Erfahrungen kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: die geschäftige Aufgeregtheit der Öffentlichkeit. Anleger bekommen heute den Eindruck vermittelt, ständig schauen zu müssen, was tagtäglich passiert. Was stündlich, was minütlich passiert. Daten zum Geschäftsklima, Einkaufsmanagerindizes, Quartalszahlen, Hochstufungen, Herabstufungen, dazu unzählige Tweets auf Twitter. Jeden Tag steht die Welt am Abgrund. Bei all der Aufgeregtheit würde vermutlich niemand merken, wie sie irgendwann mal ein Schritt weiter wäre.

Die Reizüberflutung führt zu Überforderung, die schlussendlich bewirkt, dass viele Menschen sich gar nicht erst an die Börse trauen –  frei nach dem Motto: das kann ich doch alles gar nicht überblicken, also bleibe ich lieber beim Sparbuch.

Der Brexit ist irrelevant

Nehmen wir den Brexit. Tausende Studien, Marktkommentare und Einschätzungen wurden dazu verfasst. Analysten mit sorgenvollen Mienen mahnten in TV-Interviews zu erhöhter Vorsicht. Tatsächlich war nichts von alldem, was seit dem Brexit-Referendum im Sommer 2016 passiert ist, vorhersehbar. Nicht das Referendum, nicht die darauffolgenden Diskussionen, nicht die Verlängerung der Brexit-Verhandlungen – rein gar nichts. Nichts als heiße Luft! An den Börsen haben die Kurse kurz geschwankt und sind dann einfach weiter gestiegen. Weil der Brexit für das Wohl und Wehe der Weltwirtschaft schlicht unbedeutend ist.

Oder nehmen wir die unsäglichen Punktprognosen. Wo steht der Dax am Jahresende? Mal abgesehen davon, dass es niemand weiß, ist es auch völlig irrelevant. Es käme doch niemand auf die Idee, einen Immobilieninvestor zu fragen, wo denn die Preise in einem halben Jahr stünden. Falls doch, würde er sich vermutlich an den Kopf fassen.

Wir müssen weg von diesem Kleinklein. Es hilft niemandem und produziert nur unnötigen Lärm.

Die Amerikaner waren Aktienmuffel

Es ist nicht unsere Aufgabe, Anleger ständig vor Kursschwankungen zu schützen. Das würde bedeuten, wir holten sie aus den Anlageklassen heraus, die langfristig die höchsten Renditen versprechen oder verursachen hohe Kosten, weil wir die Portfolios permanent gegen fallende Kurse absichern. Schwankungen gehören dazu, das gilt umso mehr, wenn das langfristige Renditeziel fünf oder sechs Prozent lautet.

Werden die Deutschen in einem solchen Umfeld doch noch zu Aktionären? 1948 verweist die US Federal Reserve in ihrem jährlichen Bulletin auf die Ergebnisse einer Umfrage der University of Michigan. Im Rahmen dieser Umfrage wurden Amerikaner nach ihrem Anlageverhalten befragt. Das Umfeld damals war dem heutigen nicht unähnlich: Die Zinsen waren niedrig und nicht hoch genug, um die Inflation auszugleichen.

Nur fünf Prozent der Befragten gaben damals an, ihr Geld in Aktien zu stecken. Die große Mehrheit dagegen war in verzinslichen Anlagen investiert. Die negativen Erfahrungen der Jahre zuvor sprachen gegen Aktien. Der folgende Zehnjahreszeitraum war dann der bislang beste in der amerikanischen Geschichte. 

Heute wird die Aktionärskultur in den USA weltweit als vorbildlich gerühmt. Die große Mehrheit der Amerikaner steckt ihres Altersvorsorge in Unternehmensbeteiligungen. Vielleicht tun es die Deutschen den Amerikanern nach – und werden doch noch irgendwann zu Aktionären. Es wäre nicht die allerschlechteste Entwicklung.

Was es für eine robuste Anlagestrategie braucht, sind nicht zuletzt Qualität, Geduld und Vertrauen. Qualität bezieht sich auf die Werthaltigkeit der einzelnen Anlagen (je höher desto besser), Geduld auf den Anlagehorizont (je länger desto besser) und das Vertrauen wiederum auf die Begriffe Qualität und Geduld. Anders ausgedrückt: Wer auf die Werthaltigkeit seines Portfolios vertrauen kann, braucht Krisen und die damit einhergehenden Kursschwankungen nicht fürchten. Er kann warten und sich über die Dividenden freuen.

Er wird Kursrücksetzer nicht länger als Risiko missverstehen, sondern vielmehr als Möglichkeit sehen, Aktien (und/oder Anleihen) guter Unternehmen zu einem günstigeren Kurs (nach)kaufen zu können. Der Gewinn liegt bekanntlich auch im Einkauf.

 

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