12.11.2018 - Flossbach von Storch

Schwarzer Montag – Lehren aus dem Crash von 1987


Mit einem Tagesverlust von 22,6 Prozent schrieb der Börsencrash 1987 Geschichte. Warum die Folgen bis heute spürbar sind und es für Anleger Ende ’87 eine dicke Überraschung gab.

Als am Nachmittag des 19. Oktober 1987 die Wall Street schloss, war innerhalb weniger Stunden in New York knapp ein Viertel des Börsenkapitals der 30 größten US-Unternehmen vernichtet worden. Der Dow Jones schloss mit unvorstellbaren 22,6 Prozent im Minus. In der Folge brachen auch die Börsen in Asien und Europa ein. Ins kollektive Gedächtnis ging der erste große Börsenkrach nach dem Zweiten Weltkrieg als „Schwarzer Montag“ ein.

Der Crash von 1987 – das Maß aller Dinge

Bis heute prägt dieser Schwarze Montag die Börse. Zum einen, wenn es um Vergleiche geht: Geraten Märkte unter Druck, ist dieser Tag das Referenzdatum. Wie hoch ist der absolute Verlust in Punkten? Wie hoch der Einbruch in Prozenten? Zum anderen, weil mit dem damaligen Crash auch geldpolitische Gegenmittel erfunden wurden, die bis heute bei Finanzkrisen zum Einsatz kommen.

Experten betreiben Ursachenforschung

Doch was ist damals 1987 an der Wall Street geschehen – was löste den Crash aus? Dieser Frage widmeten sich in den Folgejahren gleich mehrere Institutionen wie die US-Notenbank Federal Reserve und Wissenschaftler wie Nobelpreisträger Robert Shiller. Würde man die Ursache genau kennen, wäre man für künftige Crashs womöglich besser gewappnet.

War Ronald Reagans Politik schuld?

Warum also stürzte der US-Markt so dramatisch ab, nachdem er zuvor kontinuierlich gewachsen war? Dafür lohnt sich ein Blick auf die USA in den 1980er Jahren. Damals regierte Ronald Reagan das Land. Er verfolgte eine auch „Reagonomics“ genannte Steuer- und Wirtschaftspolitik, die umfangreiche Steuersenkungen für Bürger und Unternehmen vorsah. Das kurbelte die Konjunktur an, allerdings stieg auch das Haushaltsdefizit der USA.

Lag es an den Zinsen?

In der Folge hatte seit Februar 1987 der US-Dollar abgewertet. Die G7 versuchte mit einem Abkommen die Abwertung zu stoppen. Allerdings wurde das durch einen Zinsanstieg in der Bundesrepublik konterkariert. Der damalige US-Finanzminister James Baker reagierte darauf Mitte Oktober mit der Drohung, den US-Dollar weiter abzuwerten.

Oder an der Deregulierung?

Ein weiterer Baustein der Reagonomics waren die Deregulierung und Privatisierung von Staatsunternehmen. Unter anderem in der Telekommunikation und im Finanzsektor. Das führte zur Entwicklung neuer Finanzinstrumente wie der damals populären Portfolio Insurances. Sie sollten ihre Halter vor Verlusten schützen, wenn die Kurse fielen. Außerdem entwickelten sich damals die Anfänge des computergestützten Wertpapierhandels. Aktienorders wurden bis dahin noch per Telefon und auf Papier abgewickelt.

Der Crash hatte keine eindeutige Ursache

Waren also diese beide Faktoren – Geldpolitik und Computerhandel – Auslöser für den Crash? Menschen tendieren dazu, für Ereignisse im Nachhinein plausible Erklärungen zu suchen. Doch für den Crash von 1987 gibt es keine eindeutige Ursache. Das mag enttäuschen und vielleicht auch bedrohlich wirken, weil auch für andere Crashs kaum eindeutige Ursachen zu finden sind.

Nachrichten lösten den Crash nicht aus…

Bereits kurz nach dem Crash hat der Wirtschaftswissenschaftler und spätere Nobelpreisträger Robert Shiller nachgewiesen, dass beide oben genannten Faktoren das Verhalten der Anleger am 19. Oktober 1987 zwar beeinflussten, aber den Crash nicht erklären können: „Die tatsächliche Entscheidung, am 19. Oktober zu kaufen oder zu verkaufen, scheint nur schwach mit den Interpretationen der jüngsten Nachrichten zu korrelieren, die von den Anlegern als wichtig eingestuft wurden“, schreibt Shiller in seiner Studie.

Die Psyche der Anleger trieb das Geschehen voran

Wichtiger als die Nachrichtenlage an diesem Tag war das Verhalten der Marktteilnehmer: „Es gibt statistische Belege, die darauf hindeuten, dass der Aktienmarkt in gewissem Maße ein Eigenleben hat, das nicht mit den wirtschaftlichen Fundamentaldaten zusammenhängt“, erkannte Shiller damals. Damit erteilt Shiller der Theorie vom jederzeit effizienten Markt eine Abfuhr.

Wie ändert sich der Preis und was machen die anderen?

Shiller fand im Rahmen seiner Befragungen heraus, dass die Marktteilnehmer sich vor allem von zwei Dingen beeinflussen ließen: von den Preisveränderungen am Tag selbst und von der Psychologie. Sie stellten Vermutungen darüber an, wie sich die anderen Marktteilnehmer wohl verhalten würden und handelten dann aufgrund dieser Vermutung. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass eine eindeutige Crash-Ursache nicht gefunden wurde, aber der Versuch, den Markt zu timen, und der Herdentrieb die Abwärtsspirale immer weiter beschleunigten.

Dicke Überraschung am Jahresende

Apropos: Was wäre Anlegern passiert, die zum Jahresbeginn 1987 in den Dow Jones Index investierten, beim Crash die Ruhe bewahrten und erst am Ende des Jahres auf die Schlussnotierung des Index geschaut hätten? Sie hätten sich über einen Gewinn von 2,26 Prozent freuen können. Genau ein Zehntel dessen, was andere Anleger ein paar Wochen zuvor an einem einzigen Tag verloren.

 

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